Alles auf 0 – Nur noch ’ne Matratze und ein paar Schlüpper

Nachdem ich mehrere Jahre verschiedene Länder mit einem riesen 70L Wanderrucksack bereist bin, war mein Ziel in 2017 alle Reisen nur noch mit Handgepäck zu meistern. Alle Rucksäcke verkauft und nur noch einen im Repertoire – den Vaude 24+4L Rucksack. 28 Liter insgesamt. Jeder 4t-Klässler schleppt einen doppelt so großen Rucksack. Testphasen Anfang 2017: 2 Wochen Bali, kein Problem. Danach ein paar Tage Rumänien, Italien – kein Problem, trotz kälteren Temperaturen.

Finale im Dezember: Fast 4 Wochen auf die Philippinen, nur mit Handgepäck. Nicht nur kein Problem. Es hätte noch mehr rausgekonnt. Im Gepäck waren zudem 3 große, dicke Bücher.

Und plötzlich arbeitete in meinem Kopf ein Gedanke, der mich von fast all meinen Sachen verabschieden ließ.

Die Idee

Auf 2/3 der Philippinen-Reise – ich lebte zu der Zeit ein paar Tage abgeschnitten in einer Bambushütte in einem Utopia-Alles-Selbstanbau-Dorf –  fragte ich mich erneut: Was brauche ich eigentlich? Die Frage ist für mich nichts Neues. Seit mehreren Jahren habe ich diverse Ausmiste-Phasen mit Büchern wie „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ und „The Life-Changing Magic of Tidying Up“ von Marie Kondo durch.

„Du darfst nur 100 Dinge besitzen“ Jaja, bla bla. Anfänger. Ich gebe zu, dass diese Guides eine gute Grundlage für mich waren. Jeder, der schon mal ausgemistet hat (und damit meine ich nicht ein paar Sachen aufm Flohmarkt zu verscherbeln), weiß warum man es macht und was es einem für einen Schub geben kann. Neues kann nur kommen, wenn Altes weicht. Leben ist Veränderung und nichts ist für die Ewigkeit. Ja, Du kannst morgen tot sein. Entspann dich.

Was bringt dir dein Kleid, an das du so viele Erinnerungen hast, wenn du es nicht anziehst? Eine Erinnerung an Materie geknüpft? Die einfach nur im Kleiderschrank verstaubt und mit der vielleicht ein anderer Mensch auf der Welt tolle weitere Erlebnisse haben kann, wenn er es anziehen könnte… wofür du es erst einmal gehen lassen müsstest. Behandelt man so seine Erinnerungen?

Diesmal wollte ich noch einen Schritt weiter, nahehzu auf Null.

Ziel: Nur noch eine Matratze und ein paar Schlüpper. Diejenigen, die schon mal bei mir zu Hause waren, wissen, wie viel Wert ich auf mein Interior gelegt habe. Bei mir ging es nicht darum bei Ikea irgendeinen Standard-Kram zu kaufen und hinzuklatschen. Mein Bett, mein Couchtisch, mein Kleiderschrank… Ergebnisse vieler Monate Ideenentwicklung, Suche und Arbeit. Regel 1: Nachhaltig und nicht neu. Zweite Regel: Ästhetisch und funktionell. Goldener Schnitt, grüß grüß! Ergo: Viel Erinnerungen und Emotionen an den Gegenständen. Und natürlich die obligatorische 55-Zoll-Sony-Protz-Glotze an der Wand. Minderwertigkeitskomplexe halt.

Für mein Reich gab es meist zwei Meinungen. Entweder „Wow, kannst Du mir helfen das bei mir so einzurichten“ oder „Ganz schön feminin“. Für die erste Aussage verwies ich meist an meine damalige Freundin Mona, die maßgeblich meine Einrichtungs-Meisterin war. Bei Menschen der zweiten Kategorie wusste ich, dass sie Ikea-Family-Gold-Card-Member waren.

Alles verschenken?

Alles sollte raus. Nur noch die Matratze, vielleicht ein Lattenrost. Eine Lampe, eine Pflanze und die Bücher. Viele Bücher! (Bücher zu verschenken war das einzige, was ich bei den letzten Entmaterialisierungs-Prozessen bereut hatte).

Auf meinem „Alles-Kommt-Wie-Es-Kommen-Soll-Trip“ dachte ich daran, alles zu verschenken. Nicht zu Spenden, keine Gegenleistung, keine Bedingung.

Du willst ein Heimkino im Wert von 1000€? Hier, geschenkt.

Nach wie vor denke ich, dass es der konsequenteste Weg gewesen wäre… ich glaub ich war zu feige. Ich machte einen Kompromiss. Couch und Heimkino bei Ebay-Kleinanzeigen verhökern, viele andere Möbel verschenken und alles andere ins Glückslokal in der Alten Mu geben.

Glückslokal

Vieles brachte ich ins Glückslokal. z.B.: Schuhe, fast ungetragen für über 140€. Eine öde Ray-Ban-Mainstream-Sonnenbrille, neuwertig für 160€. Klamotten und zig weitere Gegenstände, die meine Miete sicherlich den ein oder anderen Monat hätten sichern können, wenn ich sie verkauft hätte.

Das Glückslokal funktioniert wie folgt: Du zahlst im Monat mind. 3€, kannst alles, was Du nicht mehr brauchst (keinen Schrott) abgeben und kannst 2 mal in der Woche pro Besuch 3 Dinge mit nach Hause nehmen ohne was zu bezahlen. Shoppen der Zukunft, wenn ihr mich fragt. Letztes mal fand ich eine Jogginghose, ein T-Shirt und eine Mütze. Und wenn ich erwarte, dass das Sortiment gut ist, dann liegt es an mir selbst Dinge einzubringen, die ein konformistischer Mensch verkauft und nicht kostenfrei abgegeben hätte. Ich ärgere mich ein bisschen… was wohl passiert wäre, wenn ich da den 55“ Fernseher hingestellt hätte?… vielleicht nächstes mal.

Warum?

Es geht mir hier nicht darum irgendeinem Minimalismus-Trend hinterher zu laufen. Fürs Laufen bin ich eh zu faul. Es geht mir um das permanente hinterfragen, was man wirklich braucht, bzw. was einem wirklich Mehrwert bietet und zu einem / deinem „besseren Leben“ beiträgt. Bewusstes konfrontieren mit einem selbst. Raus aus der Comfortzone. Immer wieder kaltes Wasser.

„Kannst Du die Sachen nicht erstmal in den Keller stellen und dann schauen, ob du sie nicht doch wieder brauchst?“

fragten mich viele ängstliche Geister. Natürlich nicht, bin doch kein Weichei. Ganz oder gar nicht. Wie willst du baden ohne nass zu werden? Und außerdem, was ist so wild daran? Schaut man einmal bei Ebay, Kleiderkreisel etc. dann gibt es alles was das Herz begehrt. Sofort, second hand und für geile Preise. Wenn ich morgen Lust auf eine noch größere Glotze habe, dann kann ich sie mir einfach kaufen. Also wovor die Angst?

Was bringt dir deine verstaubte DVD-Sammlung in deinem TV-Tisch? Filme, die du auf deinen Netflix und Amazon-Prime Accounts kostenlos stream kannst? Wozu lässt du zig Schuhpaare aus Anno 18hundert rummuffen? Weil du sie ja vielleicht doch irgendwann mal tragen wirst? Nicht mal vielleicht.

Mein persönlicher Favorit:

Ein maßgeschneiderter Mantel aus feinstem Zwirn. Ein Gegenstand, der seit ca. 5 Jahren an meiner Kleiderstange hängt und jede Ausmiste-Phase überlebt hat. Erschaffen von der begnadeten Kieler Modemacherin Angela Ziemer. Jedesmal habe ich ihn angezogen und gedacht: Was für ein steiles Teil, den werde ich bestimmt im Sommer tragen. Gerade eben schon wieder gemacht, als ich vorm Spiegel stand.

SCHLUSS AUS! Was soll das? Klammerte ich an dem Mantel, weil er für mich ein Beweis für meinen Erfolg darstellte? Was für ein Erfolg überhaupt? Da draußen ist mit Sicherheit ein ähnlicher Körperklaus wie ich, der mit dem Kunstwerk auf der Holtenauer oder der Champs Élysée Karl Lagerfeld die Falten aus dem Sack ziehen wird. Ich bin es nicht. Und das ist auch ok. Er ist weg, ich hab es geschafft. Au revoir ma Ntel!

Was wäre ohne Miami?

Ich weiß nicht, ob meine materiellen Ansichten so wären, wenn ich 2010 nicht meine Achterbahnfahrt in Miami gehabt hätte. (Artikel: Mein Nachbar war P.Diddy). Vielleicht wäre ich heute ein karrieregeiler Geld-Geier mit der finanzierten Mittelklasse Karre vor der Tür. Vielleicht würde ich immer noch danach streben ein bequemes Leben zu führen und mind. 100k Jahreseinkommen zu genieren. Danke Gott, Universum, Schicksal für die Erfahrung. Ich würde vermutlich immer noch versuchen mich selbst zu optimieren, um noch mehr zu arbeiten, um noch mehr „zu erreichen“.

Ängsten stellen

Angst vorm dunklen Wald alleine? Schmeiß dich in die Bäume. Stell dir einfach vor, dass 2 gute Freunde links und rechts hinter dir an der Flanke mit dir zusammen gehen.

Das anstrengende und interessante an Ängsten ist, dass man sie nur überwinden kann, wenn man lachend in die Kreissäge rennt und man erst zum Schluss merkt, dass das Sägeblatt aus Marshmallows besteht. Wenn du dich täglich im Hamsterrad abrackerst, weil du ja arbeiten musst, weil du ja Geld verdienen musst, weil du deine Miete zahlen musst, weil du ja deinen Kindern was bieten musst, dann ist die Zeit reif mal einen anderen Schritt zu gehen. Es heißt nicht, dass man nicht arbeiten soll. Und natürlich soll man pünktlich seine Miete zahlen. Es geht einfach um die Angst, die einen antreibt. Um die Angst vor finanziellem Verlust. Dass du mit deinen Kindern nach Amerika fliegst anstatt gemütlich an die Nordsee, heißt noch lange nicht, dass sie ein tolles Leben haben.

Meine persönlichen Top 3 der Angst-Konfrontationen:

Platz 3 – Die Kamera

Ende 2017 fragte mich eine Frau, die ich noch nie persönlich gesehen habe, ob ich wüsste, wo man günstig eine gute Kamera herbekommen könnte. Die Leidenschaft ihrer Tochter wäre die Fotografie und sie würde ihr gerne etwas zu Weihnachten ermöglichen.

Bei mir Zuhause verstaubte eine Sony Alpha 5100 Systemkamera, die ich mir Anfang 2017 gekauft hatte und bis auf einen Familiengeburtstag nur im Schrank stand. Wert 599€. Ciaoi, liebe Kamera. Ich hoffe Du kannst dem Mädchen eine Freude machen. Keine Gegenleistung, keine Spende. Einfach verschickt.

Platz 2 – Aktienansage von Florian Homm

2015 und 2016 hatte ich ein paar tausend Euro in Goldminen-Aktien anleget. Ich investierte auch Geld für andere Menschen. Hippelig, wie die heutigen Crypto-Anleger, schaute ich täglich, was meine Aktien machten. Es lief gut. Das Ding ging durch die Decke. Und dann traf ich mich mit dem berüchtigten Hedgefonds-Manager Florian Homm für ein Persönlichkeits-Coaching. Wusste nicht wohin mit mir. War mal wieder in ’ner Lebenskrise. Wie immer halt. Florians Hedgefonds hatte zeitweise ein Volumen von drei Milliarden Dollar. Er war unter den 300 reichsten Deutschen, hat sein MBA an der Harvard Business School gemacht, wurde in Caracas angeschossen und war / ist auf der Fahndungsliste des FBI. Genau mein Geschmack.

„Florian, kann ich verifizieren, dass an meinem Geld, bzw. an den Goldminen-Aktien kein Blut klebt?“

Seine Antwort

„Nein Jan, kannst Du nicht“.

Für mich stand fest: Raus aus dem Investment.

Und natürlich kam es, wie es kommen sollte. Wenige Tage danach wollte ich verkaufen und guckte auf den Bildschirm. Das Plus hatte sich in ein Minus umgewandelt. Es war kein Verlust vom Gewinn, es war Verlust vom Investierten. Und nicht nur meine Kohle, sondern auch die anderer. Ein paar Minuten heftiger innerer Konflikte ergaben eine klare Entscheidung. Verkaufen, jetzt. Ich verkaufte, verlor Geld und überwies das Geld, das ich für andere Personen mit investiert hatte, zurück. Ohne anteilig Verluste anzurechnen.

„Warum hast du nicht gewartet, bis es wieder auf 0 war, sodass du kein Verlust und kein Gewinn gehabt hättest?“

… wurde ich oft gefragt.

Weil das Gier gewesen wäre. Und Gier einer der Hauptverursacher menschlichen Leides ist. Wo kämen wir denn da hin?: „Lieber Minen-Mensch, auch wenn du dein Leben in den Minen riskierst, vermutlich starken körperlichen Schaden nimmst und ausgebeutet wirst… Du verstehst doch sicherlich, dass ich so lange warte, bis der Verlust wieder auf 0 ist, oder?“….

Platz 1 – Pareto Meto

Vor fast 3 Jahren haben mein Geschäftspartner Björn und ich firmenintern das Pareto Prinzip angewandt. 80 zu 20. Wir waren nicht mehr zu frieden mit dem, was wir machten. Wir merkten, dass 20% unserer Projekte entscheidend für uns waren. Diese 20% forderten uns, sie lehrten uns und motivierten. Hätten wir mit allen 100% weitergemacht, wussten wir, dass wir uns in wenigen Monaten die Köpfe eingeschlagen hätten und getrennte Wege gegangen wären. Wir ließen alles sacken und entschlossen uns ohne die 80% weiterzuziehen. Tolle Menschen und Projekte, die wir schätzten. Wichtiges Geld, das wir zum Überleben brauchten. Wir hatten kein Polster, wir hatten keine dicken Aufträge an der Angel. Wir hätten pleite gehen müssen.
Sind wir nicht. Wir sind uns treu geblieben.

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Angsthasen

Top-Coach Dieter Lange sagt:

„Wir tun alles nur aus Liebe oder Angst.“

Philosoph Erich Fromm sagt:

„…dass der heutige Mensch in der Illusion lebt, er wisse, was er wolle, während er in Wirklichkeit nur das will, was er nach Ansicht der anderen wollen sollte. Um das einzusehen, muss man sich darüber klarwerden, dass es nicht – wie die meisten meinen – verhältnismäßig einfach ist zu wissen, was man wirklich will, sondern dass es sich dabei um eines der schwierigsten Probleme handelt, die der Mensch zu lösen hat.

Flitzpiepe Jan Borkenstein sagt:

„Wenn man nicht direkt weiß was man liebt, dann muss daran arbeiten weniger aus Angst zu tun. Und von Ängsten muss man sich aktiv befreien.“

Priester Anthony de Mello sagt:

„Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin, und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.“

Jan Gurkenstein sagt:

„Angst wächst, ohne dass du es merkst. Nur die Mutigen gewinnen. Sonst hängst du nachher auf deinem Sterbebett und sagst wie viele andere die TOP-1 aus dem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ Und zwar: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“

PS – Wenn das so weiter geht, laufe ich bald nackt rum und ernähre mich von Licht 😀


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

Ein Gedanke zu „Alles auf 0 – Nur noch ’ne Matratze und ein paar Schlüpper“

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