Ein Bild vom Fahrrad zum Thema, ob man seine Versicherung betrügen darf

Darf ich meine Versicherung betrügen?

Jetzt wurde mir auch noch mein Fahrrad geklaut. Ist eigentlich halb so wild, ums Fahrrad geht es nicht. Es geht mal wieder ums Prinzip und einen inneren Konflikt, ob ich meine Versicherung betrügen darf. Es geht um einen bewussten Satz, den ich hätte formulieren müssen. Einen Satz, der 600€ Wert wäre. „Mein Fahrrad war angeschlossen“. Hier folgt die nachträgliche Einladung zu der moralischen Kopfparty, auf der ich letztes Wochenende am Limit getanzt habe.

Erstmal abflexen

Der Winter ist da. Minusgrade. Schon gestern musste ich morgens um 6 den Schlüssel mit Gewalt in mein Fahrradschloss prügeln. Mal warm anhauchen, ein bisschen die Hände um das Schlüsselloch. Schlüssel drin, ein Glück. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Noch minusigere Temperaturen, ein noch schlossigeres Schloss. „Der Schlüssel bricht bestimmt gleich ab, wenn ich so weiter drück!“. Na klar, Ihr kennt mich. Ich wäre nicht Jan Borkenstein, wenn ich mir nicht meine Welt schaffe, wie sie mir gefällt, widdewiddewitt und Drei macht Neune. Jan-Pipi Langstrumpfenstein bricht sich auch den Schlüssel ab wie sie will. Naja, wer weiß wofür es gut ist. Vielleicht hätte ich mich mit dem Fahrrad an dem Tag abgepackt und ein Auto hätte mich überfahren. Dann würdet Ihr diese hochintellektuellen, lyrischen Wortergüsse vor euch nicht genießen können. Kein Panik. Lebe noch, musste ja zu Fuß gehen.

Ein Glück hat Vaddern ’ne mobile Akku-Flex. Natürlich stehen Vatti und Sohn vor der Haustür und flexen unter Funkenflug das Fahrrad vom Straßenschild-Pfal. Fehlte eigentlich nur noch die Strumpfhose auf dem Kopf. Scheinbar war es der Menschentraube, die – warum auch immer just in diesem Moment 10 Meter von uns entfernt stand – Unterhaltung genug. Ob die Fotos, die sie von uns machten, als Beweis für eine Straftat gelten sollten oder bei Instagram gelandet sind, weiß ich nicht. Wussten die wahrscheinlich auch nicht.

Ein „Jetzt aber schnell weg“ inkl. hektischer Bewegungen konnte ich mir nicht verkneifen :-D! Hätte nur zu gerne noch mit ’nem Wachtmeister gequatscht, nachdem er gefragt hätte „Hände hoch! Was machen sie da?“. Kurz darauf hätte er vermutlich gefragt „Darf ich auch mal?“. Keine Polizei. Vielleicht nächstes Mal.

Nur kurz in den Baumarkt

Ich habe ja radikal alles rausgeschmissen, wie ich letztens geschrieben hatte. Alles auf 0. Eine alte Wasserrohr-Stange vom Schrott und ein Regalbrett wollte ich trotzdem doch noch an die Wand bohren. Erstens: weil ich keine Lust habe meine Klamotten zusammenzulegen und zweitens, weil der Fußboden einfach kein guter Kleiderschrank ist.

Ich also raus ausm Büro, hochgeradelt zum Baumarkt. Da beim Baumarkt nur so Fußabtreter-Ständer waren, habe ich das Bike lieber beim Supermarkt gegenüber abgestellt. Da konnte ich nämlich so tun, als wenn ich das Fahrrad auf Hüfthöhe anschließen würde. Mir war klar: Wenn mich hier ein Profi beobachtet, dann ist das schöne Fahrrad weg. Ist dann so. Wenn aber nicht, dann kann ich im Baumarkt so viel trödeln, wie ich will. Also entschied ich mich zu trödeln.

Nach unstrukturierten 30 Minuten Was-auch-immer-Suche, ging ich mit nem Stück Holzverschnitt unterm Arm und 4 neuen Winkeln (hoffentlich nicht von Kinderhänden hergestellt) ausm Markt und guckte gegenüber an den Fahrradständer. Weg. Der Ständer leer. Verdammt. Naja, egal. Selbst schuld.

Moment mal, was ist denn das da?

Ein großer Mann schob wenige Meter vom Ständer entfernt ein Fahrrad vor sich her. Auf die 60 Meter konnte ich nicht viel erkennen. Ich walkte mit meinem knackigen Hintern elegant wie auf Eurosport und leise wie ein Regalbrett-Indianer hinter ihm her.

Das ist es! Mein Fahrrad!

ÖÖÖÖÖÖhhhiiiiii!!!!

20 Meter vor der Sackratte, die gerade mein Fahrrad vor sich hatte, schrie Flachzange Borkenstein aus voller Röhre.
Manch einer mag kaum glauben, dass ich mit meiner zarten Conchita Wurst Stimme tief, männlich und bestimmend wirken kann. Wusste ich auch nicht… Jan, bist Du es?

Erschrocken von der Wucht meiner eigenen Stimme sah ich, wie sich der große Assi umdrehte und mich anguckte. Dann gab er Gummi. Mein Walken war vorbei. Ich rannte. Mit schweren Winkeln im Rucksack, nem Regalbrett links unterm Arm und einer Bommelmütze, die an Stilbruch nicht zu übertreffen war. Ich muss so ausgesehen haben wie ein 5-Jähriger, der sich gerade in die Hose gemacht hat und links seinen riesigen Lieblingsteddy mitschleppt.

Lange Rede, kurzer Sinn:
Fahrrad wech.

Darf ich meine Versicherung betrügen?

Ein Glück lag der Sattel auf meinem Heim… bzw. Fußweg. Sattel, LOL :-D. Guter Grund für ’n Bierchen bei Marc. Gesagt getan. Und schon auf dem Weg dahin merkte ich, wie mein Kopf sich nicht ums Fahrrad oder die Kohle drehte. Er drehte sich ums Prinzip. Mir wurde schon mal ein 1000€ Bike geklaut, damals. Ich habe mir gesagt „Wenn ich mir noch einmal ein neues Rad kaufe, dann lasse ich es voll versichern!“ Und das habe ich getan.

„Naja, Versicherungen verdienen doch genug Kohle… das ist nicht so wild.“

„Du hast doch schon so viel Geld reingezahlt, dann ist es doch völlig in Ordnung.“

„Es kommt drauf an, wie es mir finanziell gehen würde.“

„Hmmm ja, das kann man schon mal machen.“

Alles Antworten von Menschen, die in meiner persönlichen ersten Liga von Moral und Ehrlichkeit spielen. Alles Antworten auf die Frage „Würdest Du der Polizei und der Versicherung den Fall melden und angeben, dass Du das Fahrrad angeschlossen hast?“ – Es gab keine Zeugen. Keiner, außer ich und vielleicht der Dieb, hätten beweisen können, dass das Fahrrad einfach so da stand. Ein Satz, eine kleine Lüge. Einfache 600€.

„Bist du voll Jan?“ fragte ich mich unentwegt. Die Entscheidung ist doch klar. „Du weißt doch was richtig ist. Schäm dich überhaupt darüber nachzudenken. Die Versicherung betrügen. Wo kommen wir denn dahin?“ Selbst wenn ich pleite wäre, dürfte ich das nicht. „Du bist mit der Versicherung einen Deal um Angst eingegangen. Die Angst, dass dir jemand dein Fahrrad klaut. Dieser Deal hatte eine vertragliche Bedingung. Das Fahrrad muss angeschlossen sein. Du hast deinen Part des Deals nicht erfüllt, Jan. Also kein Anspruch. Abgemacht ist abgemacht.

Was wäre, wenn die Versicherung, die zig Mio€ Gewinn im Jahr macht, meinem besten Freund gehören würde? Wäre es für mich was anderes? Würde ich die Versicherung betrügen? Und falls ja, warum? Wer bin ich, der seine moralische Entscheidung auf Basis anderer Menschen und äußerer Umstände fällt? Eine Fahne im Wind? Kannst Dir was pusten, Waschlappen!

Sag mal Marc…

Du kennst mich. Du weißt durch unsere langen Gespräche, wer ich bin. Wer ich aktuell bin. Mir ist es egal was andere von mir denken… doch bitte verrate mir eins: Was würdest Du antworten, wenn Dir jemand diese Story erzählen würde und Dich fragt „Wie hat Jan Borkenstein sich entschieden? Würde er seine Versicherung betrügen?“

„Nä… natürlich hätte er es nicht gemacht…“

…ist es mir doch nicht egal, was andere von mir denken?…


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

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