Der Bettler nervte mich!

Ein paar von euch mögen wissen, dass ich es sehr wichtig finde zu spenden. Living is Giving. Vor allem auf Instagram mach ich kein Hehl draus, wohin mein Geld geht. Pro Jahr aktuell ca. 3000€ an gemeinnützige Organisationen.
Letztens war ich aufm Weg zu Penny. Vor Penny steht immer ein vermeintlich Obdachloser, leicht schräg geknickt mit seinem Hund. Und aus welchem Grund auch immer, ging er mir von Mal zu Mal mehr auf die Nerven.

Was dieses Gefühl mit mir machte und was in mir passierte, beschreibt die folgende Geschichte.

„Reiß Dich zusammen, Jan“ dachte ich.
Warum bringt er mich so auf die Palme? Er macht doch gar nichts. Es gab keinen Anlass.

„Egal Jan, auch diese Abneigung hat ihre Daseinsberechtigung. Alles hat eine Daseinsberechtigung“.

Erstmal zu penny

Ich ging an ihm vorbei, ohne es auf einen Blickaustausch anzulegen.

Im Penny drinne gehab gewesen, durch die nervig langsamen Kundenschranke reingedrängt, nervte mich auch jetzt noch Penny mehr als sonst.

Ekelhaft, dieser Laden. „Ja klasse, Jan Borkenstein. Du verwöhnter Ökoschnösel, der Du Dir mit den in Filz gekleideten Ökomuttis bei Denn’s und Erdkorn die Bio-Klinke in die Hand drückst, bist nicht nur von dem Bettler da draußen genervt, jetzt bist Du auch von diesem Discounter angewidert.  Die Regale, die es nicht gibt. Die ganzen unglücklichen Gesichter in die ich gucke.“

Oder bin ich gerade das einzige unglückliche, eklige Gesicht in diesem Laden?

„Scheiß doch drauf, Jan. Kauf einfach die Kiste vom Bio-Veganen-Weißwein und verzieh Dich.“ Der feine Herr sieht es nämlich nicht ein, für seine Teenager-Saufabende mit den Kumpels mehr als 1,99€ pro Flasche Wein auszugeben. Genießen statt Konsumieren. Jaja. „Schnauze, Jan“ sagte ich zu mir und antworte mir ohne Umwege „Selber Schnauze“.

Vom inneren Konflikt gepeinigt, leicht beschämt die Vino-Flaschen in den Rucksack stopfend, wollte ich nur noch eins: Raus in die Freiheit.

Hast du mal versucht vor dir selbst zu fliehen? Genau.

Und als wenn das nicht schon genug gewesen wäre – spricht mich der Kerl auch noch an.

Kein zurück mehr

„Ob ich ein bisschen Kleingeld hätte“ – Fuck.

Es dauerte einen Augenblick, bis ich mein Rückgrat wiedergefunden hatte und ihm in die Augen schauen konnte. Immer noch leicht schräg hing der Bursche eher als das er stand und guckte mich an. Weder fordernd noch sonst irgendwas. „Was hast Du für ein Problem, Jan?“ Klopfte es unentwegt in meinem Kopf.

Meine linke Hand kramte in der linken Hosentasche, während ich meine rechte Hand extra untermalend an die Tasche drückte. Wollte ich, dass er sieht, wie bemüht ich bin? Wusste er, was ich vorher gedacht hatte? Ich zog meine Hand raus und es offenbarten sich 3 Cents in meiner Handfläche. Zu wenig.

Zwischen den Fingern klebte meine Geldklammer, die über ein paar Scheine wachte. Hatte ich Grund mich jetzt schlecht zu fühlen? Nein, keineswegs. Hatte ich die Chance zu helfen, definitiv. Ich schob die Fuffies zur Seite und entdeckte einen Fünfer. Zack, Bon, Bonjour, war er aus der Klammer befreit und ich streckte dem Kerl den Schein entgegen.

Vielleicht bilde ich mir es ein, aber seine Stimme wurde höher und seine Augen feucht, leuchtend.

„Daaa… Danke“.

Was sind schon 5€?

5€. Das ist n Bier mit ordentlich Trinkgeld. Das ist ’ne Bio-Vegan-Schnösel-TK-Pizza. Das ist Benzin für ein paar Kilometer.
Trink ich halt mal 1-2 cremige Caffee-Latte weniger aufm Wochenmarkt bei Loppo (Als wenn). Was sind schon 5€? Wer den Cent nicht ehrt ist den….. bestimmt. Und wofür gibst du so 5€ aus? 5€ hatten dem Mann gerade Hoffnung geschenkt, sofern ich es mir nicht einbilde. Ob ich jetzt ’n Bierchen weniger am Wochenende trinke, ist schnurz-piepe.

Und dann fing der Mann an davon zu erzählen, dass er das Geld für die Herztabletten seines Hundes brauche.

Nickend und viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt verabschiedete ich mich von ihm und ging zu meinem Fahrrad.

Warum misstraue ich jetzt?

Als ich mein Schloss ganz langsam zusammenfaltete, fiel mir mein Tierarzt Frank ein.

Ein Mann, der für mich ein Stück weit Vorbild ist und mir immer hilft, so wie ich ihm. Jemand, der sein Wort hält und mir ehrlich sagen würde, wenn ich spinne. War es wirklich der Gedanke ans Helfen, der mich die anschließenden Handlungen ausführen ließ? Oder war es mein kleinbürgerliches Missvertrauen, dass der Kerl da vorne alle gutmütigen Spender belügt? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Egal, Attacke!

„Mein Lieber, sag mal wie heißen die Herz-Tabletten für Deinen Vierbeiner, die so teuer sind?“

Keine Sekunde später

„Die heißen Benefortin. In 5mg.“

Er brauche davon so und so viele…

Hatte er das geübt? War es die Wahrheit? Ist es nicht vollkommen egal? „Wo ist Dein immer so angepriesenes Grundvertrauen, Jan Borkenstein?“

Ich dankte ihm für die Auskunft und versprach ihm mal zu probieren ’ne Ladung zu organisieren. Kurz daraufhin schickte ich dem besten Tierarzt der Welt ’ne Sprachnachricht.

„Hey Frank, Jan hier. Pass auf – hier ist so n Kerl, der sorgt sich um seinen Hund. Du weißt vielleicht, dass ich spenden für wichtig halte. Könntest Du mir bei den Herztabletten helfen…“

Frank am Start mit

„Moin Jan, geht los. Wir organisieren einen Jahresvorrat für Ihn. Wir machen 50 / 50, ok?“

Vor ein paar Stunden habe ich dem Kerl die Packungen vor Penny geliefert.

Sein Gesicht schräg. Seine Antwort kurz:

„Aaaa alter Schwede…“


Vielleicht hat er mehr mir geholfen als ich ihm. Vielleicht hat er mir mein inneres Dilemma auf 100 Meter angemerkt und mir mit „hast du ein bisschen Kleingeld?“ die Hand gereicht – Nicht zu sich – sondern zu mir selbst. Damit ich den Konflikt nicht gegen mich sondern mit ihm lösen kann?


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

6 Gedanken zu „Der Bettler nervte mich!“

  1. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich in den extrem fordernden Blicken des Bettlers und seines Vierbeiners bewusst ausgewichen bin und tagein tagaus in diesen Laden ging.

    Das Gefühl: „Er nervt mich“ kenne ich nur zu gut. An dieser Stelle dachte ich immer: „ Jeder kann für sein Geld arbeiten! Jeder kann Unterstützung bekommen um ein Menschenwürdiges Leben zu führen… schließlich leben wir in einem Sozialstaat.“

    Vllt ist es ein Schicksal was ihm dazu gebracht hat, eventuell sein Wunsch! Ich habe keine Ahnung…. Ich wusste nur, dass ich Ihn für den fordernden Blick jedes mal aufs Neue verurteilt habe. „Was fällt ihm ein, mir jedes Mal diesen Blick zuzuwerfen und bewusst Geld von mir haben zu wollen, ohne eine Gegenleistung?“

    Heute war es anders! Und das verdanke ich deinem Beitrag, Jan!

    Heute am 17.Oktober bin ich wieder in den Laden stolziert, um bewusst an dem Regel mit deinem geliebten „Bio-Veganen-Weißwein“ vorbei zu gehen und ein Eiskaffe zu holen. Während ich an den Gängen vorbei ging, hatte ich nicht nur deine Einkaufsliste im Kopf, sondern vor allem deine Erkenntnis nach deinem Beitrag.

    Die Erkenntnis sich selbst und Situation zu hinterfragen. Erstmals wurde mir bewusst, dass die fordernden Blick, wodurch ich ihn seit Jahren verurteilte und auf ihn sauer war, eventuell Blicke nach Hilfe waren. Blicke nach etwas zu Essen, neuer Kleidung, ein warmes Bett oder einer kleinen Spende. Mir fiel des weiteren auf, dass ich ihn nie betrunken oder pöbelnd erlebt hatte….

    Warum habe ich bisher nie das Gespräch gesucht, um die Geschichte hinter der Person zu hinterfragen?

    Warum gehe ich bewusst seit Jahren an einer Person vorbei, die eventuell Hilfe benötigt? Das ist eigentlich garnicht meine Art.

    Ich ging in Gedanken im Laden hin und her und erwischte mich dabei, dass ich darin so vertieft war, dass ich bereits drei mal an dem Regel mit dem Eiscafé vorbeiging.

    Jetzt entschloß ich mich für einen größeren Einkauf.

    Ich nahm ein Karton ging durch den Laden und füllte diesen mit Bananen, Äpfeln, Sandwiches, Smoothies, Schokolade und Hundeleckerlies. An der Kasse angekommen, ließ ich meinen gesamt Einkauf in eine Papier-Tüte packen. Ich bezahlte, holte meinen Eiscafé aus der Tüte und Tat Das, was ich schon hätte längst machen sollen. Etwas zurück geben! Menschen die Hilfe benötigen , diese auch anzubieten!

    Ich übergab die Tüte dem Bettler und bekam ein herzliches „DANKE“ zurück.

    Ich weiß bis zu diesem Abend noch nicht, was ihm zu diesem Schicksal bewegte und hoffe dies in kommenden Wochen noch zu erfahren. Ich stelle aber bewusst meine Vorurteile zurück, bis ich die Person oder das Schicksal besser kenne! #secondchance #dankejan

    1. Mein Lieber, großen Dank für das Mitnehmen in Deine persönlich Geschichte! Da ist so vieles, dass man immer und immer wieder hinterfragen sollte. Ich scheitere so oft dran. Ist es nicht der wichtigste Schritt das Bewusstsein zu schärfen, den Widerspruch zu erkennen und sich immer und immer wieder zu hinterfragen?
      Hab gerade ein Buch gelesen, das Studien bereit hält welche Spenden armen Menschen wirklich helfen und welche nicht. Und denk wieder „Mist“. Doch darum geht es hier nicht… es geht um Dein „Ich stelle aber bewusst meine Vorurteile zurück, bis ich die Person oder das Schicksal besser kenne!“, um das „Warum gehe ich bewusst seit Jahren an einer Person vorbei, die eventuell Hilfe benötigt? Das ist eigentlich garnicht meine Art.“ – Feier ich!

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