Die Augen des kleinen Mädchens

6 Wochen Urlaub, 4 Wochen Philippinen, endlich ist es soweit.
Am Tag des Abflugs ging ich kurz noch mal in die Holtenauer. Meine Händen warm in den schrägen Jackentaschen meines Winterparkas. Innerlich auf die hoffentlich kommende Urlaubsgelassenheit einstimmend hüpfte ich eher als das ich ging. In meiner rechten Hand klimperten sich ein paar Münzen zwischen meine Finger. Vermutlich meine Loppo-Just-in-Case-Groschen.

Das Geld liegt auf der Straße

Und dann machte ich das, was ich schon lange machen wollte. Geld auf der Straße verteilen. „Wer den Cent nicht ehrt ist den…“ Blabla, lasst euch was neues einfallen. Sagte nicht Erich Fromm „… gegen das Gebot der Autorität handeln (…) ist der erste Akt der Freiheit, das heißt die erste menschliche Tat“?

Vor jeder Haustür ließ ich eine Münze fallen. Mal 50-Pfennig, mal 1 oder 2 Euro. Und vor jedem Fallenlassen drehte ich mich um, dass ja keiner sieht was ich da machte. Es fühlte sich so an, als wenn ich mich dafür schämen oder zumindest rechtfertigen müsste. Warum nur? Vielleicht fällt nachher ein Junge aus der Haustür, findet unbedeutende 50-Cent und macht sich selbst zum Gewinner seines Tages. Vielleicht stolpert aus Haustürchen Nr. 58 eine Frau, die sich gerade mit ihrem Mann tierisch in die Haare gekriegt hat und beantwortet ihre Frage, ob sie ihm eine 2te Chance geben solle, mit dem 2€-Stück. Vielleicht macht aber auch der nächste Wauwi fein Haufi auf den Taler und Herrchen schmeißt alles zusammen in den Müll.

You Never know, Schicksal tanz‘ mit mir!

Der ausländerfeindliche Sitznachbar

„Bitte diesmal keinen stinkenden Sitznachbarn auf dem langen Flug nach Manila.“ dachte ich. Bin ein bisschen traumatisiert. Kurz noch an die selbsterfüllende Prophezeiung gedacht und daran dass du mit deinen Gedanken deine Welt selbst erschaffst und zack bon bonjour hat „erfolgreich Wünschen“ wieder alles gegeben. So, wie wenn ich mir einen Parkplatz wünsche und ihn bekomme, so bekam ich auch hier das was ich mir selbst prophezeite. Und nicht nur, dass er stank, er hatte auch noch was gegen Ausländer. Jackpot!

Wisst ihr, ich kann mich mit meiner Nase verlieben oder Menschen verabscheuen. Kennt ihr das Gefühl sich am Hals eines Menschen zu verlieren, wo Parfum und Körpergeruch den Ort erschaffen, an dem man sich Zuhause… angekommen fühlt? Jan-Borktiste Grenouille.

Zurück zum Gegenteil auf dem Nachbarsitz

Auch wenn er stank, war er irgendwie eine symphatische Erscheinung. Er war Norweger.

Was ich denn von „Angelo Mörkel“ hielte.
„Schwere Frage“ sagte ich „Kann Ihre Politik nicht wirklich beurteilen“. Scheu vor Konfrontation in den ersten 2 Minuten eines 11-Stunden Fluges war meine Antwort leer & feige.

Was er denn von Frau Mörkel halten würde, fragte ich. „I dont like her politics with the bavarians“…. Mit den Bayner? Was haben die denn damit zu tun?

Ich fragte nach…

Ahh „Babarians“… Welche Barbaren denn bitte? „The refugees are coming and they are all raping and killing and Mörkel let them in“. Ja Moin.

Ich hab mir nicht nur ein Sticktier gewünscht. Mein linker linker Platz war frei für einen Mann, der sagte, dass alle Flüchtlinge Vergewaltiger und Mörder seien. Und dass sie ja alle nur „for economical reasons“ zu „uns“ wollen. Ich hätte vielleicht wie Herman van Veens Freund Jan, den er in seiner Biographie beschreibt, aufspringen sollen, ihn beschimpfen und die Situation zu einem heiklen Diskurs bringen können, der doch in Wirklichkeit nichts verändert hätte. Oder doch?

Ruhig und fast schon gelangweilt erzählte ich ihm, er könne sich sicher sein, dass ich auch an seine norwegische Tür klopfen würde, wenn es in Deutschland nichts mehr „zu holen“ gäbe.
„Yes, I know, but we have the same culture“. Klasse zurecht gelegt. Mit der Nummer kommst du bei mir Teilzeit-Moralapostel nicht weit. Apropos Kultur. Ist Kultur nicht ein Prozess und Entwicklung? Ist sie nicht grenzenlos? Meine Gedanken schubsten mich ein paar Wochen zurück.

Kultur grenzenlos

Ich saß vor ein paar Wochen hamsterradtierend am großen Couchtisch im Office in der Alten Mu. An irgendwelchen Wochentagen treffen sich hier die Helfer vom Verein kulturgrenzenlos e.V. Was sie genau machten, wusste ich nicht. Flüchtlingen helfen. Immer gut.

Ich schrieb mit halben Fuß im Feierabend irgendeine Mail. Guckte mal hoch. 2 deutsche, junge Frauen links und rechts von mir und ca. 3 Meter gegenüber ein ausländischer, junger Mann.

Wie er hieße, wollten sie wissen.

Ob er Freunde hätte, wollten sie wissen.

Oder vielleicht Familie?

„Nein, ich habe niemanden mehr.“

Bam, geradeaus direkt in mein Gesicht. Die Hosen waren voll, meine Arme Butter. „Alles“ und „Nichts“ saßen an diesem Abend an einem Tisch.
Wie oft hab ich mir schon den Mund über die Flüchtlingsthematik zerrissen, ohne auch nur einmal mit einem gesprochen zu haben? Oft genug und ich bin ganz und gar nicht stolz drauf. Oft höre ich „Bei uns wohnen auch ein paar Flüchtlinge, die sind total niedlich“… Brennt euch der Helm? Deine Katze oder dein Wauwi sind niedlich. Aber doch kein Mensch, der geflohen ist! Grandiose Arbeit, kulturgrenzenlos! Ich zieh den Hut vor euch!

Zügellos zu spekulieren, ob die Flüchtlingskrise hausgemacht ist oder nicht, darüber zu pauschalisieren, ob alle Verbrecher sind oder nicht, ist genauso billig UND – excuse my french – fürn Arsch! wie sich den Mund darüber zerreißen zu müssen, ob an den Hamburger G-20-Gipfel-Ausschreitungen die Rechten, die Linken, die Eliten oder die Investoren schuld waren. Was bringt es? Hass & Zwietracht. Wer ist Schuld? Du? Ich bin bin es definitv! Wenn du nur an eine Wahrheit glaubst, dann geh nach Hause! Gibt aktuell glaube ich über 7 Milliarden Wahrheiten.

Zurück auf Platz A38

Dann fragte mich der niedliche Stinker (er hatte in der Tat Knopfaugen, die an einen Steif-Teddy erinnerten) ob es mein erstes Mal auf den Philippinen sei. Er besuche seine Freundin. Aha. Sie ist 22. Aha. Guck mal hier, das ist sie.

Der eklige fast 50-jährige schiebt mir mit seinem Arm, an dem sich ein hässlich verschwommenes Ankertattoo kleinmacht, sein iPhone entgegen und präsentiert mir voller Stolz ein Bild seiner 22 jährigen Freundin. Am rechten Ringfinger funkelte matt ein Ring, locker ein Ehering.

Mein Gedankengang vorsehbar: „Du perverser Penner. Nicht nur ausländerfeindlich, sondern fickst auch noch dieses arme Mädchen am anderen Ende der Welt, das deine Tochter sein könnte. Und Deine Frau bügelt zuhause. Wie immer. In Norwegen.“

Da saßen wir. Zwei Männer voller Vorurteile.

Was ist, wenn sie sich wirklich lieben und der Mann Witwer ist, den Ring aber noch nicht ablegen kann… in Gedenken an seine verstorbene Frau? Oder wenn die 22-jährige Frau von einem besseren Leben träumt? Mal angenommen das Ganze ist fernab von Zwangsprostitution: Besteht dann ein Unterschied zwischen Stinktbert und seiner 22-jährigen Philippinerin zu den alten und jungen Säcken in Jetset-Hubs wie Miami, an die sich junge Hüpfer für ’ne neue Tasche von Loui ranschmeißen (ja, ich weiß wovon ich rede)? Gib es einen Unterschied zwischen den beiden? Außer vielleicht, dass der eine ein Hemd trägt und der andere Tennissocken in Sandalen?
Hier stelle ich nicht die Frage, ob es gut oder schlecht ist…
Und wer bin ich, mir das Recht rauszunehmen darüber zu urteilen, was eine glückliche Beziehung ist… was „Liebe“ ist?

Das Mädchen stand da…

Es ist dunkel, feucht, warm. In Manila. Im Minimarkt noch kurz ’ne Flasche Wasser kaufen. Und eigentlich ’ne Packung Kippen. Rauche aber nicht mehr.

Gib dem Soldaten einen Spiegel
und nimm‘ ihm sein Gewehr

Gib den Menschen ein Klavier
damit sie sehen, was sie spielen
damit sie hören, wie sie fielen

Gib dem Kaufmann einen Spiegel
und klau‘ ihm seine Zahlen

Das Kind guckt dir in die Augen
vor lauter Mehr entstandener Qualen
es fordert Gründe für das Mehr

und du gehst einfach weiter
die Antwort deines Blickes leer

 


(Ich definiere Zwang momentan wie folgt: Ein Mensch ist gezwungen etwas zu tun, wenn das Überleben davon abhängt. Oder wenn man von einem anderen Menschen zu etwas gezwungen wird, ohne eine Wahl zu haben und durch das Nichterfüllen Schaden nimmt. Viel zu grob. Das ist mir klar. Gerade in puncto verschiedener Kulturen, gesellschaftlicher Zwänge und Ausgrenzungen nicht beim zweiten, dritten oder vierten Blick zu erkennen, ob es wirklich Zwang ist. Kinderarbeit ist auch nicht gleich Kinderarbeit -> Buchempfehlung: „Wie viel Sklaven halten Sie“)


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

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