Emma und der Schmetterling

„Wann sind wir da?“ lacht das Mädchen. Der Vater schaut schräg zu ihr runter. Sie ist schon zu alt ist für diese Frage.
„Willst Du die Geschichte hören? Von Emma und dem Schmetterling?“ Das Mädchen nickt. Ihr Vater rüttelt sich auf der Bank zurecht, um noch bequemer zu sitzen. Er kann die Geschichte auswendig. Die Schienen unter dem Zug klappern. „Ok. Mach die Augen zu, mein Schatz.“ Auch meine Augen fallen zu. „Emma und der Schmetterling.“ beginnt die ruhige Stimme zu erzählen.

„Eines Tages, an einem warmen Sommertag, lief Emma in den Park. Der Park lag direkt vor dem Haus, in dem Emma mit ihrer Mutter wohnte. In der Mitte vom Park war eine schöne, grüne Wiese. Rundherum große Bäume und wuschelige Büsche, in denen Emma gerne Höhlen baute. Emma rannte über die Wiese und setzte sich auf ihre Lieblingsparkbank. Sie hoffte, dass vielleicht ein Nachbarskind vorbei kommen würde. Emma wollte spielen. Sie liebte es zu spielen. Unruhig wartete sie auf der Bank. Alleine. Die Sonne schien warm in ihr Gesicht. Es duftete nach frisch gemähtem Rasen.

Plötzlich, ein Schmetterling.
Er flog an ihrem Gesicht vorbei und setzte sich auf eine wunderschöne Blume. Nur wenige Schritte von der Bank entfernt, auf der Emma ihre Beine baumeln ließ. Ihre Augen verfolgten den Schmetterling. Wunderschön. Gelb, Orange und einige, elegante schwarz-braune Striche. Es war der schönste Schmetterling, den sie je gesehen hatte. Emma wurde ganz unruhig und aufgeregt. Sie sprang von der Bank und lief mit ausgestreckten Händen auf den Schmetterling zu. So etwas schönes musste sie einfach fangen und festhalten. Doch schon nach dem ersten Schritt hob der Schmetterling von der Blume ab und verschwand im blauen Himmel. Emma weinte. Traurig ging sie nach Hause zu ihrer Mutter. Sie hatte keine Lust mehr mit anderen Kindern zu spielen.

Am nächsten Morgen wachte Emma auf. Es war ein schöner Tag. Sie schaute aus dem Fenster. Die Sonne tauchte den Park in ein helles Grün. Emma lief nach draußen und setze sich auf die gleiche Parkbank wie gestern. Ihre Lieblingsparkbank. -Hoffentlich kommt der Schmetterling heute wieder.- dachte Emma. Und plötzlich kam er. Der Schmetterling flog direkt an Emmas Nase vorbei und kitzelte sie. Er flog zur gleichen Blumen wie gestern und ruhte sich mit weichen Flügelschlägen aus. Emma zögerte nicht lange. -Diesmal entwischt er mir nicht- dachte Emma. Mit einem Satz sprang sie von der Bank auf und lief los. Und kurz bevor sie den Schmetterling berühren konnte, flog er wieder mit kräftigen Flügelschlägen davon und verschwand im grellen Sonnenlicht. Mit gesenktem Kopf ging Emma weinend nach Hause. Es ging ihr schlecht. Sie war noch trauriger als am Tag davor. „Dieser blöde Schmetterling!“ schimpfte sie. Wie kann man nur so gemein sein.

Am darauffolgenden Tag ging Emma wieder in den Park. Ihr Kopf war gesenkt. Ihre Schultern hingen weit unten. Traurig setzte sie sich auf ihre Lieblingsparkbank. Ihre Bank. Die Nachbarskinder hatte sie vergessen. Ein alter Mann mit einem Gehstock setzte sich neben sie. Seine Hände lagen auf dem Gehstock. Der Gehstock stützte zwischen seinen alten Beinen auf dem Boden. Plötzlich flog der Schmetterling an dem alten Mann vorbei und auch an Emma. Er kitzelte beiden an der Nasenspitze und setzte sich wieder auf die wunderschöne Blume.

Der alte Mann guckte zu Emma runter und sah, wie Tränen in Ihre Augen stiegen. Er lächelte. Emma wollte weinen. Nur noch weinen. Sie wusste, dass sie den wunderschönen Schmetterling nicht fangen kann. Der Mann schaute nach vorne, sagte kein Wort. Atmete tief ein und tief wieder aus. Und da geschah es: Der Schmetterling erhob sich und flog in ihre Richtung. Mit seichten Flügelschlägen setzte sich das Wesen auf den Handrücken des alten Mannes. Emma wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und wurde unruhig. Sie wartete nur darauf, dass der Mann sich bewegt und versuchen würde den Schmetterling zu fangen. Der Alte Mann aber beobachtete den Schmetterling und lächelte. Er drehte seinen Kopf behutsam zu Emma und sagte „Wenn Du den Schmetterling nicht jagst, setzt er sich vielleicht eines Tages zu Dir!“

So nah war Emma dem Schmetterling noch nie gekommen.

Jetzt Geschichten als Erster lesen

Geschichte teilen:

Schreibe einen Kommentar