Jan Borkenstein über Gewissen

Ganz ehrlich Gewissen, leck mich!

(4 Minuten Lesezeit)

Immer fasle ich in meinen Gedanken von Freiheit und wie ich versuche, sie zu erreichen. Und jetzt wurde mir bewusst, wie sich ein gut gekleideter Gast an die Sachertorte meiner Idealismus-Individualismus-Hochzeit geschlichen hatte, sich die größten Stücke reinstopfte und keine Rücksicht auf die anderen Gäste nahm. Darf ich vorstellen: mein Gewissen.


Liebes Gewissen,

jemand sagte mir mal, dass man alles rauslassen soll. Bedrückt dich was oder wer, dann schreib ihm einen Brief. Ganz gleich, ob du ihn abschickst. Gewissen… wir kennen uns nicht erst seit gestern und ich glaube ich muss Dir heute was sagen, damit wir eine Zukunft haben können.

Weißt Du, was ich in meinen schlauen Büchern gelesen habe?

„Das Gewissen ist ein Sklaventreiber, den der Mensch selbst in sich hineingenommen hat. Es stachelt ihn an zu Wünschen und Zielen, von denen der Betreffende glaubt, es seien seine eigenen, während es sich tatsächlich um die Internalisierung äußerer, gesellschaftlicher Anforderungen handelt.“

Sie sagen, dass Du…

„… eine solche Macht über uns hast, weil wir durchaus bereit sind, uns den Erwartungen entsprechend zu verhalten, die die Anderen an uns stellen und weil wir eine so tiefsitzende Angst davor haben, uns von ihnen zu unterscheiden.“

Sie stellen Dich an den Pranger:

„Die anonyme Autorität ist deshalb noch wirksamer als die offene Autorität, weil einem gar nicht erst der Verdacht kommt, dass da ein Befehl gegeben wird, den man zu befolgen hat. … Es ist, als ob ein unsichtbarer Feind auf uns schießen würde. Da ist niemand und nichts, wogegen man sich wehren könnte.“

Die Frau, die an der Bushaltestelle weinte

Kannst Du Dich noch gestern an die alte, asiatische Dame erinnern? An der Bushaltestelle fragte sie nach der Uhrzeit. Sie war klein, die dritten Zähne waren schief und krumm. Sie erzählte von ihrer Flucht aus Indonesien. In den Niederlanden kam sie an. – Gewissen, wir fragten nach… es interessierte uns. – Ihr Körper konnte den Temperaturunterschied kaum aushalten. Von + 30°C auf minus 20°C in Holland. Sie ist 75. Damals war sie das einzige Kind in der Grundschule, mit etwas dunklerer Haut. Die anderen Kinder wuschen ihr Gesicht im Schnee bis sie bewusstlos war. Sie dachten, sie würden ihre Haut dadurch sauber kriegen. Dann kam sie nach Deutschland und schwärmte von diesem Land. Noch nie wurde sie von Menschen so herzlich empfangen und so gut behandelt… – Gewissen, wir beiden trauten unserer Ohren kaum. Redete sie hier von den Deutschen? – Sie erzählte, dass sie Krankenschwester war. Und dann erzählte sie in ihrem gebrochenen Deutsch von ihren Enkelkindern… ihre Augen wurden feucht. Ich wollte sie in den Arm nehmen. Meine Arme blieben gelähmt. Ich lenkte die Situation von den Tränen weg…

Und Du verurteilst mich dafür?

Dafür, dass ich diese fremde Frau nicht in den Arm genommen habe? Vielleicht wollte sie gar nicht in den Arm genommen werden. Und falls doch: JA IST JA GUT! Dann war es unsensibel von mir. Hab ich gelernt. Warum streust Du weiter Salz in die Wunden?

Was bildest du Dir ein, uns beiden bei all dem Leid auf der Welt Vorschriften über richtig und falsch zu machen? Anstatt, dass Du und Deine Kollegen von der Gewissens-Gewerkschaft die Schlaraffenland-Blase feiern, in der wir hier in Deutschland leben! Du kennst doch die Geschichte meiner Oma!

Gewissen, ich geh jetzt eine rauchen

Ja, Du hast Recht, ich hab vor 4 Jahren aufgehört. Na und?
Ja genau, diese Kippe ist sooo weltbewegend. Morgen sterbe ich deswegen.
Is nicht! Ja, sie schadet meinem Körper. Rauchen ist der unsinnigste Unsinn.
So what?

Und verrate mir mal, wieso ich Qualität durch Quantität ersetze?
Mehr, mehr, mehr – streben, streben, streben. Höher, weiter, besser?

Du brauchst mich gar nicht so abwertend anzugucken.

Wo bin ich denn hier gelandet, wo ich mich beim Rauchen einer Fluppe verurteile, als würde ich Teile schmeißen oder ’ne Line Koks ziehen?

Gewissen, verrat‘ mir eins

Waren es Du und Onkel Ego, die das Fitnessstudio zur Disco der Neuzeit gemacht haben? Wo sich die Mietzen vorm Training schminken und das Training unterbrechen, damit sie ja nicht anfangen zu schwitzen? In einer Welt, in der sich die Kerle für ein egobesulendes „Maschine bist geworden“ Kapsel reinfahren, die noch mehr Hühnersuppe im Luftpumpen-Bizeps einlagern lassen?

Wieso zwingst Du mich 2400 Kalorien am Tag reinzustopfen? Für den Traumkörper? Fürs Idealgewicht? Was tust Du unserem gemeinsamen Freund Genuss an?

Gewissen, Du sagst: Ich muss Ziele setzen, da ich sonst nicht weiß, wo ich hinschießen soll? Weil ich sonst nicht treffen kann? Und soll andererseits akzeptieren, dass der Weg das Ziel ist? Dass der Zweck nie die Mittel heilt? Fürs Glück, fürs Leben? Hä?

Wahre Schönheit kommt von innen? Und „nichts ist drinnen, nichts ist draußen, denn was innen ist, ist außen?“ Will ich sie kennenlernen, weil sie wunderschön ist? Oder weil Justin Bieberstein es nicht ertragen könnte, dass die Frau an seiner Seite keinen Schönheitsstempel von seinem Umfeld bekommt?

Wo fängt es an und wo hört es auf?

Ja, Werte, Ideale sind gut und wichtig. Wo kämen wir sonst hin? Keine Sorge, Gewissen, ich hab nicht vor wieder Fleisch zu essen. Oder T-Shirts von Kinderhänden zu kaufen.

Aber Gewissen, wenn ich uns mal ’ne ANTI-COCA-COLA Limo von Fritz gönnen und wir uns darüber freuen, dass hinten dick „vegan“ auf der Cola steht… wo kommt denn die Flasche her? Du und ich haben doch die Reportage über die Umweltkatastrophe „Sand“ gemeinsam gesehen. Dass der weltweite Sandhandel eine riesige Mafia ist, ganze Inselstaaten vernichtet, Menschen vertreibt und Leben zerstört. Nur damit wir westlichen Pinsel schlüsselfertige Häuser in ’ner Woche hochziehen können. In schönen Vorstadt-Siedlungen. Mit ’nem kleinen Garten am Einfamilienhaus, der so groß ist wie mein kleiner Zeh. Werden Flaschen nicht auch aus Sand hergestellt? Ist die vegane Limo fairsanded?

Oh ja und Plastik. Plastik ist sooo schlimm. Total. Auf keinen Fall eine Plastiktüte beim Einkaufen aufs Band legen. Selbst Penny will jetzt dagegen vorgehen. Du hast ja Recht Gewissen, Plastik ist schlimm. Verpackungsmüll ist Unsinn. Keine Frage. Wie Rauchen. Kannst einfach lassen. Aber wenn Plastik wirklich so schlimm ist und die Umwelt Deinen Gewissenskollegen so wichtig ist: Warum lassen dann die Einweg-Kaffee-Pappbecher den Restmüll aufm Blücherplatz bei Loppo überquillen? Die Loppo-Pappbecher sind 100% kompostierbar. Aber doch nicht in einem Restmülleimer der Stadt.

Gewissen, bis zu welchem Grad doppelmoalisierst Du das große Ganze? Warum sagst Du nichts, wenn ich mir eine nachhaltige kinderhandfreie Patagonia-Jacke online bestelle, die vom osteuropäischen Subunternehmer des Subunternehmers dessen Subunternehmers geliefert wird, der für einen Hungerlohn arbeiten muss?

Sollte man das Leben nie zu ernst nehmen, weil man nie lebend rauskommt?

Denk mal drüber nach, Gewissen

Ich mach mir jetzt n Käffchen und geh draußen mal eine pieefen. Alleine. Und danach putze ich mir zum 10ten mal die Zähne und schrubbe meine Finger, als hätte ich einen Menschen umgebracht. Warum? Weil ich gleich meine Eltern besuche und Du es geschafft hast mir einzureden, dass sie mich für ’ne scheiss Kippe verurteilen. Dass meine Eltern von ihrem Sohn enttäuscht wären.

Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?
Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst vor der Angst hättest?

 


Zitate von Erich Fromm und Jay-Wee von Goethe


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

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