Ich dachte, ich sterbe

El Nido, 30 Grad, Luftfeuchtigkeit am Limit. Wir kamen an im kleinen Dörfchen auf der philippinischen Insel Palawan von wo aus wir einen Island-Hopping-Trip starten wollten. Und am ersten Abend erschuf ich mir meine eigenen Todesängste, obwohl gar nichts los war.

Mein Kopf wummerte. Mein Körper spielte Ping Pong zwischen Schweißausbrüchen und Gänsehaut. Ein Blick auf mein chinesisches Fit-Bit-Armband (hab ich vor ein paar Tagen beim Schnorcheln ertaucht. War ganz gut ne Uhr zu haben, weil mein Handy am zweiten Tag geklaut wurde). Was waren die anderen Funktionen? Das Fußsymbol, klar, das zählte Schritte. Das Herz zeigt den Puls an. Aber was zur Hölle war denn bitte diese Flamme? Fragte mich schon die letzten Tage. Es zeigte 375 … oh mist, Körpertemperatur? Dann hab ich wohl erhöhte. Komm schon Jan, bitte jetzt kein Fieber.

Check-in im Hostel

„Mabuhay, reserviert ist zwar ein 2-Bed-Dorm, aber nur für eine Person.“ Wir haben die Buchung vergeigt und auf die Frage, ob ich in einem anderen Schlafsaal unterkommen könnte, gabs ein ernüchterndes „Nope, we are fully booked out“… Mist.
Aber ich könnte ganz oben im Personal-Raum ein Bett haben. Klar, besser als der nackte Boden. Es hat zwar keine Klimaanlage, aber einen Ventilator.

Es war schon früher Abend. Der Versuch meinen Kreislauf mit ner Coke nach vorn zu bringen missglückte. Ich fühlte mich immer schlechter. Ab ins Bett, Licht aus. Der Raum war dunkel. 1,5 Meter mal 2 Meter. Ein Bett unten, eins dadrüber. Kein Fenster. Die Wände pure Bambusmatten.
Und dann plötzlich kratzte es an der Wand. Das Geräusch war unregelmäßig. Meine Augen aufgerissen. Alles dunkel. „Bitte lass es eine wunderschöne Libelle sein“ dachte ich. Es kratze und schabte laut, 30 cm neben meinem Kopf. Plötzlich tierische, helle Kreischtöne. Wie ein Kampf. Wie lange es wohl dauert bis die Maus, die Ratte, die Spinne oder welches Monster auch immer sich da verbirgt, anfängt sich an meinem Rücken zu vergehen.

Hellwach und doch hundemüde schaute ich auf mein Armband. Fast schon zwei Stunden wälztet ich mich rum mit der permanenten Angst gleich von einem tropischen Tier einen vernichtenden Biss zu bekommen, das seine Eier unter meiner Haut ablegt (Ist meinem Mitreisenden in der Tat schon passiert). Die Flamme im Armband zeigte 404. Bitte was? Fieber über 40°C? Mit 42°C kann mach doch sterben? Meine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer, meine Schweißausbrüche heftiger. Ich war wie gelähmt…. sollte es das schon gewesen sein mit meinem kleinen Leben? Ich malte mir aus wie wohl die Nachricht in Deutschland ankommen würde „Er ist elendig in einer 35°C Dachkammer dahingesiecht und sein Körper wurde von Ratten geschändet. Man fand ihn 4 Stunden zu spät“.

Nix da – so einfach mach ich keinen Abgang

Komm schon Jan, beweg deinen nassen Hintern! Ich quälte mich hoch, taumelte die Treppen runter und fragte eine Mitarbeiterin, ob sie was gegen Fieber hätte, es sei schon über 40°. Sie gab mir Paracetamol und noch irgendwas (keine Ahnung, immer rein).

Dann saß ich am Esstisch im Auftenthaltsraum. Den Kopf in die Hände fallen gelassen und fast schon betend, dass das Fieber aufhört zu steigen.
Mutterseelenallein. War es nicht das, was ich wollte? Raus aus der Comfortzone 2.0. … Der Gedanke ging hand in hand mit: Ich will zurück in den Bauch meiner Mutter!

Ein hektischer Blick auf mein Armband jagte den nächsten.
Oh Gott, es hört nicht auf. Über 41°C Körpertemperatur.
Meine Hände fingen an zu kribbeln. Mein TShirt schweißgebadet. Die Anzeige schoss auf 413 – Noch wenige 0,7°C und ich war einmal. …
Meine Beine starteten taub zu werden und kribbelten wie meine Hände. Tränen schossen mir schubweise in die Augen… Das wars wohl. Keine Menschenseele in meiner Nähe.
Plötzlich kam eine Mitarbeiterin vorbei und ich fragte sie, ob sie einen Doktor rufen könne. Das Fieber steigt und steigt. Es ist schon über 41°C. Fast schon apathisch sagte sie, dass das nicht geht. Man könnte nur zu der Ambulance fahren… 5 Minuten von hier entfernt.

Ok, jetzt oder nie

Wir stiegen auf ein Moped mit Beiwagen und fuhren zur Krankenstation, die so provisorisch aussah wie die, die man in Kriegsgebieten aus den Nachrichten kennt. Ich setzte mich hin und die Krankenschwester fragte mich das Standardprozedere… Dann kam die Doktorin und schob mir ein Fieberthermometer unter den Arm. Sie zog es raus, legte es weg und sagte nichts. Wie viel? fragte ich. 37,5°C sagte sie trocken, leichtes Fieber. Ob das ihr Ernst ist? Sagt sie mir die Wahrheit nur nicht, damit ich nicht in Panik ausbreche und umfalle? Ein Blick aufs FitBit, direktes Misstrauensvotum zur Doktorin. 41,8°C – Wie soll das nur enden?

Sie sagte, dass ich jetzt ein paar Vitamine und Immunsystem-stärkende Tabletten bekomme und wiederkommen soll, wenns in 2 Tagen nicht besser ist. Bitte was? Ich soll nach Hause fahren und sterben? Ich fuhr zurück ins Hostel und stellte mich oben an die Bar mit einem Glas Wasser, verschiedene Tabletten inhalierend.

Ein letzter Blick aufs Fitbit-Armband… 448 – Moment mal, die Flamme sagt, dass ich 44,8°C Körpertemperatur habe? Dann würde ich doch hier nicht mehr stehen und genüsslich ein paar Pillen flippen?

Der Tag danach

Am nächsten Tag legte ich das Armband wieder an und guckte auf die Flammenanzeige. 10. Huch? Ach herje… kann es sein, dass die Anzeige den Kalorienverbrauch berechnet? Wie unangenehm.

Kann es sein, dass ich einfach nur einen harten Sonnenstich und einen mords Kater vom vorangegangenen Abend hatte? Meine Birne hat ca. 5 Stunden unverantwortliche, blanke Sonnenstrahlung abbekommen und danach haben wir die Hütte bis 4 Uhr morgens so doll abgerissen, dass mein T-Shirt permanent klitschnass geschwitzt war. Unsere Crew hat nicht getanzt, wir haben Hochleistungssport gemacht… so gar so doll, dass mein Fitbit Armband in mitten meiner Hip-Hop-Dance-Move-Trance vibrierte und mir mit einer Medaille anzeigte: Glückwunsch Jan, Du geile Sportskanone. Hab da mit Sicherheit 3000 Kalorinen verbrannt… Und dann noch Nachtbaden und ne kalte Klimaanlage-Dröhnung im Schlaf als krönenden Abschluss. Und dann wundere ich mich, dass mein Körper ein bisschen runterfährt und strugglet?

Scheinbar war gar nichts los. Ich habe das gesehen, was ich sehen wollte. Ich habe das gefühlt, was ich fühlen wollte. Warum ich da so einen Film geschoben habe? Gute Frage.
Das mit dem Hineinsteigern in Dinge, die wir sehen, hören und angeblich fühlen, kennen wir doch nur zu gut, oder? Mücke, Elephant, wer hat noch nicht, wer will noch mal? Vielleicht mal öfter die Kirche im Dorf lassen?

Die tödlichen Tiere waren übrigens 3 grazile Schwalben und das Gekreische ihre Jungen im Nest. Sie drehten am Tag danach bilderbuchartig über mir ein paar Runden an der Deckenlampe und machten sich über mich lustig.

Dramaqueen alive, over and out.


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

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