Ich machs einfach

Warum mach ich dies? Warum mach ich das? Sinn des Lebens? Ist es der richtige Job? Warum laufe ich weg? Und vor was? Warum immer dem Glück nachjagen und es nicht erwischen? Warum nicht einfach mal hinsetzen und warten, bis es sich auf meine Schulter setzt. Wie ein Schmetterling. Einfach mal machen.


Ich lerne Björn kennen. Björn kann Websiten programmieren. Er bringt es mir bei. „Hallo Papi“ schreibe ich auf meine erste .de.vu Website und laufe stolz ein Zimmer weiter. „Geh mal auf meine Website“.

Ich sage meinem Zahnarzt, dass ich seine Website bauen will. Ich bin 15 und ich darf. Ohne etwas abgemacht zu haben, gibt er mir Geld. Ich zieh aus. Bin 17. „Warum willst Du ausziehen?“ fragt mich mein Vater. „Ich muss in die Welt“ sag ich. „Auto und Wohnung? Wirst Du Dir nie leisten können“ sagt meine Schwester. „Werde ich, keine Sorge“ antworte ich.

Ich gründe eine Firma. Ein halbes Jahr vorm Abi sitze ich mit Björn beim Notar. „Sie sind also hier um eine Weltfirma zu gründen?“ fragt er und drückt damit die richtigen Knöpfe. Ja klar. Wir haben so viele Aufträge wie ein Teller Knete.

Ich gebe Gas. Mehr Kunden, mehr Bekanntheit, mehr Kohle. Höher weiter schneller. Ich sehe Thomas Kramer bei RED auf Pro7. Multimillionär aus Deutschland. Nutten und Champagner. Verwandelte SouthBeach Miami von einer Müllhalde in einer der teuersten Wohngegenden der Welt. Auf Twitter sucht er einen neuen Personal Assistent. Ich sitze auf dem Balkon in der Gutenbergstraße und schaue esoterisch ins Universum. „Ich werde Thomas Kramers neuer PA!“. Erfolgreich Wünschen. Ich hab Abi. Will in die Welt. Fliege mit meinem Freund Julez in die Ziele aus dem Fernsehen. New York, Miami, LA. Den Flug legt mir sein Vater aus. Ich pokere auf die Nachzahlung des Schülerbafögs. Die Kohle kommt. Abfahrt, eine Nacht nach meinem Abiball.

Ich schreibe Thomas eine Mail. Sitze in Miami und hab vom Leben so viel Ahnung wie eine Eintagsfliege. Überheblichkeit und maßlose Selbstüberschätzung tanzen in der Mail an Thomas Tango. 2 Minuten später kommt die Antwort. Morgen Star Island. „Ob ich ihn nur kennenlernen wolle oder einen Job will?“ fragt er mich. „Beides“ antworte ich. 48 Stunden später hab ich den Job. Lasse Björn, meinen Praktikanten und einen sehr guten Freund nach Miami einfliegen. Jette mehrmals im Jahr zwischen Kiel und Miami hin und her. Lasse mich blenden. Krieg einen tiefen Schlag in die Fresse. Breche die Zelte ab. Sitze im Flieger. Der letzte, der er aus Miami wegen Schneegestöber abheben darf. Ende Dezember. Ich sitz drin und weiß, dass ich die schlimmsten Tränenausbrüche hätte erleben dürfen, wenn ich Weihnachten nicht im Schoß meiner Eltern hätte sein dürfen.

Ich fahre auf der Autobahn nach Kiel, esotere wieder in Gedanken durch die Frontscheibe Richtung Universum. Das was die da im aufgelehnten Miami können, kann ich in klein Kiel mit der Hälfte der Leute doppelt so gut.

Ich lerne Mona kennen, verliebe mich unsterblich. Wir ziehen zusammen. Wir bauen ein Nest und zeugen zwei wundervolle Katzenkinder. Ich scheitere an mir selbst. Liebe ist nicht da, um festzuhalten. Mona sagt „Guck Dir mal den Blog von … an, die passt zu Dir“.

Ich fliege nach Vietnam. Lese ein Buch, das ein Mädchen ihren hunderttausend Instafollowern empfohlen hat. Ich liege an einem Fluss in Kampot und lese es durch. Ich spiele alle möglichen Varianten von E-Mail-Adressen im Kopf durch, um die Agentin von ihr zu umgehen. Sie ist unter den TOP 10 der einflussreichsten Menschen aus Österreich. Schreibe ihr eine Mail. Will ne Buchempfehlung für Bedingungsloses Grundeinkommen. Sie hat keine. Wir schreiben weiter. 52 Seiten DIN A4 in Schriftgröße 12 in zwei Wochen. Sie in Europa, ich in Kambodscha. Wir verlieben uns. Blinddate wenige Tage später in München. Volle Dröhnung der Biochemische-Bauch-Schmetterlingsscheiße. Es ist filmreif. Wo ist Julia Roberts? Ich sage ihr „Egal wo es hinführt. Wir werden eine unfassbar schöne Zeit haben und es wird uns beiden sehr weh tun“. So kommt es. „Jan, Du hast ein großes Talent, und das ist schreiben“. Sie zerreißt mir mein Herz, weil ich mich in unserem Wir auflösen wollte. Sie hat mich vor mir selbst beschützt. Unsere Wege trennen sich unter Kuss und Tränen.

Ich verpiss mich nach Bali. Klischee-Selbstfindung. Ich fange an zu schreiben. Worüber soll ich schreiben? Ich setze einen Blog auf. Endlich eine Plattform für mein Ego. Zurück in Kiel genieße ich die Sonne. Ich sitze in der Uni im Café und arbeite. Ich brauch Menschen um mich rum. Alleine Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf. Dennis schreibt mir. Wir wollen uns mal ein Update geben, was das Leben so macht. Bei Loppo, ist klar. Dennis war damals der Beste Freund vom Bruder meiner Liebe Lisa. Wir schnacken. Er sagt „Wäre nicht ein Co Working Space in der Alten Mu was für Dich?“ Ich fackel nicht lange. Felix empfängt meine strugglende Seele mit offenen Armen. Ich lerne inspirierende Menschen kennen. Fahre mit meiner Oma nach Polen. Lerne ihre Geschichte kennen. Erkenne diese widersprüchliche Welt. Ying Yang. Alles wird gut…und was nicht gut ist, ist noch nicht zu Ende. Ich merke, dass ich im Paradies lebe. Bin Adam. Hab zig Äpfel. Brauche den einen nicht. Zero Waste. Ich trenne mich von dem größten finanziellen Ast, auf dem ich sitzen. Prinzip Ding. Will mich fokussieren. Keine 100 Hochzeiten mehr.

Ich besuche meine Eltern. Wie jeden Freitag. „Ich hab letztens ne halbe Stunde Deinen Blog gelesen.“ begrüßt mich mein Vater. „Aha, und?“ antworte ich. „Ist ja ganz schön persönlich, was Du da schreibst“. – „Jo, nur ich, ich lege alles offen“. – „Würde ich ja nicht machen…“ seine Antwort. Ich freue mich. Darüber, dass mir bewusst wird, dass es mir nichts ausmacht, ob ich die Anerkennung oder kritisierende Aufmerksamkeit meiner Eltern erhasche. Ich bin stolz.

Ich sitze im Büro. Die neue Firma nimmt Fahrt auf. Ich habe mich ein Jahr lang verzettelt par excellence. Ich wills beweisen. Den Investoren und vor allem mir. Es läuft. Doch jetzt muss ich es schaffen, dass der Motor läuft. Ich brauche ein namhaftes Testimonial mit Strahlkraft. Einen Menschen, der vielen Menschen etwas bedeutet. Rune Dahmke, Handballstar. Ich kenn ihn nicht. Monny und Bennet schon. Ich ruf ihn an. Das Budget: Eigentlich gar keins. Ich erkläre ihm alles und frage, ob er sich das vorstellen könne und wenn ja wie teuer es wäre. Ich brauche sein Gesicht. Er will es sich überlegen. Wir legen auf. 2 Minuten Später schickt er eine SMS. „Ich habe Deinen Blog gelesen. Ich mache es umsonst. Das Bier geht auf Dich. Die Worte auf deinem Blog haben mich inspiriert“. Ich bin sprachlos.

Ich geh ins Bett. Schon seit 13 Monaten Zölibat.
Gucke auf mein iPhone, ob sie geschrieben hat.
Hat sie nicht. Wird sie. Ich glaub, ich heirate sie.

Und wenn nicht? Ich mach einfach weiter.

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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

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