Ich will

Drei Chia-Dreikorn und eine Dinkel-Kruste, bitte. Das wärs, ja. Danke. Ach wissen Sie was? Eigentlich wäre es das nicht. Darf ich Ihnen was sagen? Eigentlich will ich alles. Ein Glas Leitungswasser und eine Scheibe trocken Brot, zwanzig Schokocroissants mit Schoki innen, außen, oben, unten. Und das Mettbröchten zum Speiseröhren schmieren gleich hinterher. Dann noch einen Kaffee. Keinen Kaföe – nein, einen Caffééé. Grande, versteht sich. Sie haben noch Filterkaffee? Nein, bitte diese handgezupfte Bohne aus Andalusien. Mehrfach verdaut von balinesischen Katzen und geröstet um die Ecke. Fair. Was sonst?

Ach wissen Sie, im Grunde wollen wir doch alle nur das eine: wissen wollen, ob wir wollen oder müssen sollten. Und vor allem, ob wir wollen wollen können oder nur denken, dass wir wollen, obwohl der schmierige Nachbar eigentlich das wollte, was wir heute wollen. Günther Gesellschaft, Dorfstraße 10.

Wie geht das Lied von den Ärzten noch gleich? „… Tüdldühühü, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur mhhhmmh Schuld, wenn sie so bleibt…“ Apropos fair und Ärzte: Wissen Sie zufällig, was ich meinem Kind jetzt sagen darf? Dass wir zum Onkel Doktor gehen? Zur Tante Doktorin? Oder sind wir schon bei „Komm mein kleines, wir gehen zum Geschwisterteil deiner Eltern, das in der Medizin promovierte? Mütterlicher- oder väterlicherseits entscheide bitte du. Darfst du entscheiden wollen. Musst du wollen!“ Wir erziehen auf Augenhöhe. Antiautoritär. Damit sich der Charakter frei entfalten kann. Grenzenlos. Also ohne Sicherheiten. Ach was ist schon fair. Sie sagen es. Nicht mal das Wort „fair“ ist von fairen Eltern. Das wurde für „nicht dunkel“ benutzt. Hellhäutige hatten also damals fair skin. Da wären wir wieder bei der Kirche und ihrem Dorf, in dem man sie lassen sollte. Oder nur könnte? Wie sehen Sie das? Ach ja. Und ich will mich nicht mehr über alles aufregen. Wenn mich etwas stresst, dann will ich gelassen sein und durch die Hose atmen. Stillstand? Nein das auch nicht. Das ist mir dann zu öde. Dann bitte Action. Balance? Nette Idee. Der kleine Bruder von Scheiße. Wo kämen wir denn da hin? Wenn alles in Balance wäre, hätten wir kein Wetter mehr. Dann hätten wir entweder Sonne, Regen, Schnee, Sturm, Nicht-Sturm zur selben Zeit, oder gar nichts. Gar kein Wetter en Detail? Fragen Sie mich nicht. Ohne Reibung keine Wärme, ohne Wärme kein Wachstum? Interessanter Gedanke. Sie meinen im Sinne von Evolution?

Hauptsache wir wahren uns die Meinungsfreiheit. Da stimme ich ihnen zu. Die Gedanken sind frei! Das soll auch schön so bleiben. Oder können sie gar nicht frei sein, wenn wir gar nicht wollen können, was wir wollen? Und kann der Wunsch nach Freiheit nicht nur dann bestehen, wenn es keine Freiheit gibt? Ach ich versteh’ mich selbst nicht mehr. Verzeihen Sie mir bitte. Und das auch noch am Sonntagmorgen. 

Haben Sie Kinder? Wunderbar, nicht wahr? Und was für eine Welt wollen Sie hinterlassen?… Es wäre ja Ihre Schuld, wenn sie so bleibt. Auch auf dieser Friday for future Demo? Wie finden Sie das? Ich bin mir da einfach nicht sicher. Erdöl muss doch auch verpönt gewesen sein, bis der Otto Motor endlich da war. Wie wäre es denn mal mit einem Schlitten, der mit Plastikmüll fährt? Was bringt es denn unseren Kindern, wenn wir deutschen Mülltrenn-Weltmeister nur 6% Plastik recyceln? Wenn wir als Öko-Trendsetter tonnenweise Plastik nach Malaysia verkaufen? Wenn Deutschland den Atomausstieg schafft und die Brennstoffzellen an unseren Ländergrenzen tanzen? Sodass die deutsche Ingenieurs-Kunst nicht mehr die Sicherheit und Qualität bewachen kann? Wir sind doch keine Insel, oder? Sie haben Recht. Wenn wir es schon nicht mehr schaffen ein Konzerthaus in Hamburg zu planen und zu berechnen und der Spiegelkasten plötzlich das 10-fache kostet, was rede ich hier von Sicherheit. Ja. das habe ich auch gehört, die Akustik soll ein Traum sein. Wissen Sie was ich will? Eines Tages mit dem Flugzeug vom BER-Flughafen nach Hamburg düsen und ein Konzert von Ludovico Einaudi in der Elphi hören. Vorher würde ich aber mit dem Tesla von Hamburg nach Berlin fahren wollen, weil ich schon so lange nicht mehr in Berlin war und ich da schon lange mal wieder hinwollte. Oder würde ich dann nur wollen, dass ich es will, wenn ich schon heute darüber rede, was ich eines Tages will?

Danke, das wünsche ich Ihnen auch.


E-Mail bei neuer Geschichte:

Geschichte teilen:

Ein Gedanke zu „Ich will“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.