Mein Nachbar war P.Diddy

Gegenüber wohnte Madonna.
Meine Karre hatte über 300 PS und die Butze, in der ich wohnte, hatte einen Wert von mehr als 50 Mio. US-Dollar $.

In den Jahren 2010 / 2011 tauchte ich in ein Leben ein, das viele nur aus dem TV kennen. Jan Borkenstein auf Star Island in Miami. Nach nun 7 Jahren Verarbeitung dieses Lebensabschnittes, möchte ich meine Lektionen aus einer Zeit ziehen, in der ich mit Kaviar gefüttert wurde, während weiße Tiger dabei zuguckten.

Wie es dazu kam

Sommer 2010, eine Nacht nach meinem Abiball flog ich mit meinem guten Freund Julez nach Amerika. Endlich mal die Kulissen aus dem Kino mit eigenen Augen sehen. NYC, San Francisco, LA, Miami. Thomas Kramer, Multimillionär aus Frankfurt, der im World Trade Center ’ne Menge Schotter gemacht hatte und die einstige Müllhalde South Beach Miami in eins der „besten“ Wohngegenden der USA verwandelt hat, kannte ich vorher nur aus dem Fernsehen. Nachdem ich die Reportagen über seine Person als gerade 18jähriger gesehen hatte, sagten mir meine grünen Ohren, „Das ist DER deutsche Global-Player, den muss ich kennenlernen“.

Überheblich wie ich war, schrieb ich ihm eine Mail, die in etwa so klang: „Hey Thomas, ich bin Jan, hab ne Firma in Deutschland, die ohne mich läuft und suche neue Herausforderungen… – Du suchst n Personal Assistant? Hier bin ich. Würde Dich gerne mal aufn Drink einladen“.

(Meine Firma lief in Deutschland ohne mich, weil sie im Grunde gar nicht lief, haha).

Seine Antwort „Morgen um 8 bei mir im Büro, 5 Star Island“.

…Oh, verdammt!

Die Knie weich wie veganer Butterersatz, rein in die Höhle.

Nach 2 Stunden hatte ich verursacht, dass der alte Programmierer gefeuert wurde (obwohl ich es nicht wollte) und ging mit einem neuen Auftrag aus der Tür.

„Du bleibst die nächsten 20 Jahre hier bei mir“ sagte er. – „Ich lebe mein Leben noch mal durch Dich, Jan“.

Willkommen im Golden Cage.

Learning 1: Sich im richtigen Moment auf die Finger hauen

Einer meiner liebsten Gesprächspartner auf dem Wochenmarkt sagte mir letztens, „Ich bin sehr froh darüber, dass ich oft meinen Schwanz in der Hose gelassen habe und nicht jeder nächstbesten Gelegenheit hinterhergelaufen bin“. Nehmen wir den ___ doch einfach mal als Symbol für Gier. Ich glaube, dass der Nervenkitzel von speziellen, irrealistischen, sexuellen Erfahrungen vergleichbar ist mit dem Reiz von irreal viel Geld / Kapital.

Zur Story: Wir waren essen in irgendeinem Burgerschuppen in South Beach. Natürlich wieder einer der besten weit und breit…  „einer der besten“ wie irgendwie alles? Jaja. Blabla.

Die Frau sollte mit zu uns nach Hause fahren, kannte den Weg aber nicht. Sie fragte, ob ich nicht bei ihr mitfahren könne, wir würden Thomas folgen. Klar, warum nicht?

An einer Ampel, die rot wurde und wir den Anschluss zu Thomas SUV verloren, sagte ich, dass wir gleich rechts fahren müssen. Sie fragte „Sicher?“. Ich: „Ja klar, rechts geht’s nach Star Island“.

Ihre Antwort „Wir können jetzt überall hinfahren, wo Du willst und Du darfst mit mir machen was Du willst“.

Ich traute meinen Ohren nicht. Versteht ihr? Ich war in der Welt der Millionäre für Frauen eigentlich Luft (was auch gut war). Und diese Frau war heiß auf mich wie Frittenfett. Ca. 40 Jahre, persische Wurzeln.

Offensichtlich zeigte ich ihr, wie sehr ich mit meinem Gewissen kämpfte. Denn eins wusste ich: Thomas wüsste sofort was Sache ist und morgen würde ich nach Hause fliegen. Eins wurde mir sehr früh geraten: „Halt Dich von -seinen- Frauen fern“. Wir fuhren einen extra umständlich langen Weg zurück und erzählten uns gegenseitig, wie sehr wir doch wollen würden. Wäre es das wert gewesen? All die Erfahrungen, die ich noch aus weiteren Wochen, Monaten oder Jahren in Miami würde ziehen könnte aufs Spiel zu setzen? Keine Ahnung. Ich glaube nicht.

Als wir Zuhause ankamen und ich ins Bett ging, konnte ich immer noch nicht fassen, was gerade passiert war.

(Sie schrieb mir später bei Facebook, dass Thomas sehr sauer war, dass wir so lange gebraucht hatten. Er wusste ganz genau was Sache war).

Learning 2: Alle kochen nur mit Wasser

Leider fehlt mir hierfür ein korrektes Beispiel, aber alle Menschen kochen nur mit Wasser. Hier und da ist jemand herausragend. Eventuell jeder Mensch, bloß nicht jeder weiß worin. Was ich aber weiß, ist, dass all die Selfmade-Multimillionäre, die ich kennenlernen durfte, mit Wasser kochen.

Learning 3: Die Leute machen die Party

Guckt man die wilden Partys in den Reportagen an, denkt man schnell, dass es das non plus ultra wäre, dort dabei zu sein. Ich habe E-Mails erhalten, in denen Menschen zigtausende Dollar ausgeben wollten, nur um bei einer dieser wilden Partys dabei sein zu können. Die ernüchternde Wahrheit: Ein Video, indem sich die Kamera zum Beat bewegt, lügt Dich an. Die Leute machen die Party. Hast Du viele Freunde um Dich rum – oder sagen wir „Deinesgleichen“ – dann kannst Du ‚ne Menge Spaß haben. Alles andere ist befremdlich und versetzt Dich nicht in Feierlaune.

Ich bin mit 4 Leuten vorne in einem Ferrari durch South Beach zum Club geballert (Der Typ links am Steuer war Rennfahrer, seine Freundin auf der Mittelkonsole, ein Kumpel aufm Beifahrer und ich über allen), nur um mich in die nächste Champagner-Dusche zu stürzen. Brauch kein Mensch. Da Nagel ich doch lieber ein paar Groschen an die Bar im Sattel und dreh die Jukebox bei MarciMarc auf! (Für alle Nichtkieler: Die Bar „Im Sattel“ ist Kiels angesagtester Schuppen für Bierchen und Party.)

Learning 4: Das Leben ist kein Pornofilm

Nachdem auf 5 Star vor meinen Augen ein Porno gedreht wurde, weiß ich nun als Augenzeuge „Das Leben ist kein Pornofilm“.

Das einzige was echt war, war der Produzent: Fokuhila, kurzärmliges Hemd und Socken in Latschen. Mehr geht ja wohl nicht.

Konnte gar nicht aufhören diesen Kerl zu beobachten, dem man seine Laune an der Bewegung seiner Oberlippen-Popelbremse ablesen konnte.

Learning 5: Fokussieren und nicht einfach drauf los

Ich weiß gar nicht, an was wir alle da im Office immer gearbeitet haben. Mal waren es Websites, mal war es ein Computerspiel. Mal eine Simulation von einem neuen Jet-Set-Hub irgendwo am Meer. Thomas sagte immer „Ich schieße wild in den Wald, hoffentlich fällt mal ein Apfel runter“. Überall wo es geraschelt hat, lief man hin. Wenn Ihr mich fragt: Pure Verschwendung. Ziele setzen, anfangen, veröffentlichen, Feedback einholen, verbessern. Ziele anpassen. REPEAT. Einfach wild drauf los zu jagen, ist für Leute, die keine Geduld oder keinen Plan haben. Oder spiel jeden Tag Lotto, dann verschwendest Du nicht die Lebenszeit von anderen Menschen.

Learning 6: Vertrauen ist der wichtigste Kleber

Nicht jeder Mensch kann mit dem anderen lachen, weinen, zusammenarbeiten oder die Welt verändern. Muss auch nicht sein. Doch wenn zwei Menschen irgendeine Beziehung, in welcher Intensität auch immer, eingehen, dann darf eins nicht fehlen: Vertrauen. Thomas hat mein Vertrauen leider durch mehrere Puzzleteile missbraucht. Ich glaube, dass er das gar nicht weiß und auch nicht wollte. Und das war für mich auch der Grund, warum ich schlussendlich so rasant die Zelte in Miami abgebrochen habe.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie froh ich war, wieder nach Hause fliegen zu dürfen, zurück zu Mutti in Bauch. (Es war an dem Tag wegen Schnee Gestöber die letzte Maschine, die abhob). Wenn der Vertrauenskleber zerbröckelt, dann mach ’n Abgang.

Learning 7: Bleib Kind

Zig Lieder und Schriftsteller preisen Kinder an. Und das zu Recht. Ohne Rücksicht auf Verluste entdecken sie Neues. Im Vergleich zu uns erwachsenen Rostlauben, gibts wenige Muster, wenige Gewohnheiten. Ich bin davon überzeugt, dass man sich nahezu täglich in sein eigenes Kind katapultieren sollte. Nie dieselbe Straße nehmen. Ohne Angst vor Veränderungen.

Thomas hatte eines Tages plötzlich ein Polizei-Blaulicht für die Sonnenblende organisiert. In einem schwarzen SUV fuhren wir drei von der Tanke wie das FBI über den Highway und alle machten platzt. Haha, fühlte mich wie Owen Wilson in Starsky und Hutch. Bis Thomass Kumpel nach ein paar Meilen erwähnte, dass das doch strafbar sei. Thomas, wie von der Biene gestochen, reagierte entsetzt und versuchte beim Fahren ganz hektisch das Blaulicht von der Sonnenblende zu friemeln. Haha.

Anfangs dachte ich „Der merkt echt nicht mehr viel, das muss er doch wissen“. Jetzt denke ich „Wie lässig, er hat es einfach gemacht, weil er es ausprobieren wollte und hat gar nicht soweit gedacht“. Eigentlich genau richtig.

Natürlich gibt es da Grenzen. Wenn Menschenleben gefährdet werden, hört der Spaß auf. Ein passender poetischer Erguss, der mir gestern im Film „HUMAN“ über die Ohren lief „Das Leben ist wie eine Botschaft, die man als Kind versucht seinem alten Ich zu überbringen und man muss drauf achten, dass sie unterwegs nicht verloren geht.

Learning 8: Das ist es nicht wert

 (Eins meiner Appartements… Wusstet Ihr, dass es keinen Unterschied macht, ob man den Schnaps vom Vorabend auf teuren Marmor kotzt oder auf billiges Laminat? Wusste ich auch nicht!)

Ich hab letztes Jahr kurz mit Thomas telefoniert. Thomas war gerade auf Marbella. Auf die Frage, wie es ihm ginge antwortete er „Klasse Junge, muss mich um nichts mehr kümmern, im Hotel wird immer alles für einen gemacht. Seitdem ich nicht mehr diese hohen Belastungen habe, geht es mir viel besser.“ Da haben wir es schwarz auf weiß: Eigentum belastet.

2013 wurde Thomas auf 200 Mio. in der Schweiz verklagt (http://www.bild.de/regional/frankfurt/schwarzgeld/immo-star-muss-200-mio-zahlen-30522420.bild.html), Star Island ist Geschichte. Und scheinbar geht es ihm viel besser als vorher.

Kennt Ihr die Geschichte vom Fischer und dem Geschäftsmann?

Eine kleine Zusammenfassung:

Ein Fischer steht jeden Tag auf, bringt seine Kinder zur Schule, geht fischen, kocht Zuhause leckeren Fisch für die Familie und geht abends mit seiner Frau im Sonnenuntergang spazieren, während seine Kinder im Meer baden.  Ein reicher Unternehmer sieht den Fischer beim Angeln, der sich einen Urlaub am Meer gönnt, fragt den Fischer, warum er nicht an der anderen Stelle angle und seinen Fang verdopple. „Wozu“ fragt der Fischer. Der Geschäftsmann schildert ihm die Möglichkeiten des Gewinns. Dass der Fischer in Kürze eine ganze Flotte aufbauen könnte und einen weltweites Fischfangunternehmen beherrschen könnte. Er würde viel Geld verdienen und könnte dann alles machen was er will. Die Antwort vom Fischer „Dann könnte ich morgens aufstehen, meine Kinder zur Schule bringen, Fischen gehen, für die Familie kochen und abends mit meiner Frau im Sonnenuntergang spazieren gehen, während ich meinen Kindern beim Baden zusehen darf“.

Fazit der Learnings

Wozu Bachelor, Master, Dr. oder Startup? Um endlich viel Kohle zu verdienen und dann das machen zu können, was einen glücklich macht?

Welche Motivation steht dahinter? Willst Du endlich Arzt werden, um Menschenleben zu retten oder Lambo zu fahren? Willst Du Deinen Master machen, weil Bachelor heute wie Abitur ist und Du Angst um deinen finanziellen Hintern hast oder weil Du noch mehr wissen willst, um die Dinge die Du sehr gut kannst, wie ein Master zu beherrschen?

Weißt Du überhaupt was Du kannst, worin sich Deine Stärken verstecken und wodurch Du in Flow kommst?
(Flow (englisch „Fließen, Rinnen, Strömen“) bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht). Quelle: Wikipedia

PS – ich struggle bei dem Thema auch jeden Tag. Obwohl ich das alles weiß und mir sicher bin, dass der Raubtierkapitalismus (nicht der Kapitalismus generell) Unsinn ist, erwische ich mich oft genug noch bei dem Gedanken, dass ich mit geleckten Haaren, roten Schnöselbäcken im Range Rover durch die Straßen rolle.


BLOG PER E-MAIL ABONNIEREN

Erfahre als erster von neuen Beiträgen

Jan Borkenstein auf Facebook folgen

  •  
    204
    Shares
  • 204
  •  

Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

Ein Gedanke zu „Mein Nachbar war P.Diddy“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.