Monsieur Rousseaus im Café tabac

Die Sommerluft lag trotz der leichten Brise drückend auf der Stadt. Monsieur Rousseaus ließ sich von Luis durch das Paris schieben, das in den Köpfen der Touristen verankert war. Elegante, schöne Menschen. Gehüllt in einen Duft von frisch gebackenen Croissants und Café Crème.

Das Hospiz wurde dereinst auf einen Hügel im Norden von Paris gebaut. Montmartre. Direkt neben einem dieser Sightseeing Hotspots. Ruhig genug, um seinen Frieden zu finden. Wenn man seinen Frieden finden musste. Die Rue Berthe war Monsieur Rousseaus neues Zuhause geworden. Bei den Pflegerinnen hatte er den Ruf des Mister Charming. Luis besuchte ihn jeden Sonntag. Der Lehrer für Politik und Gesellschaft wollte, dass er und seine Mitschüler mindestens vier Wochen ehrenamtlich Menschen helfen. Anschließend sollten sie in Gruppen besprechen, ob sich ihre Definitionen von „Gesellschaft“ verändert hätten oder nicht. Und wenn ja, warum.

Luis wusste überhaupt nicht was ein Hospiz ist. Eine Einrichtung der Sterbebegleitung. Hatte er noch nie gehört. Und wollte er auch nie hören. Er war schließlich erst 17.

An einem Donnerstag Nachmittag kreuzten sich die Wege des Alten und des Jungen. Luis war auf dem Weg zu dem Mädchen, das allen an der Schule den Kopf verdrehte. Monsieur Rousseaus kämpfte sich in seinem Rollstuhl die Straße hoch. Eingepackt in zwei Wolldecken und Mütze. Bei 24°C im Schatten in der Rue Androuet. Eine Zigarette im Mundwinkel.

„Pack‘ mal mit an, Junge! Ich muss nur hoch zur nächsten Kreuzung!“ rüttelte der Alte den Jungen aus seinen Gedanken. Luis schob den Rollstuhl bis vor das Hospiz.

Seit diesem Zufall saßen die beiden jeden Sonntag im Café tabac. 15 Minuten entfernt von der Straße, in der der Alte wohnte. Wohnen musste. In der Rue Berthe. Sie schwiegen und tranken ihren Kaffee. Immer wenn eine attraktive Frau vorbeilief, verschluckte sich M. Rousseaus absichtlich am Rauch seiner Zigarette, damit Luis besorgt zu ihm rübersah. Er zwinkerte ihm zu. Und schickte den Frauen immer ein herzerwärmendes „Bonjour Madame“ hinterher. Mr. Charming. Aus Haut und Knochen.

„Willst Du eigentlich gar nicht wissen, wie es ist zu sterben, mein Junge?“ überrumpelte M. Rousseaus den Schüler an jenem Sonntag Nachmittag und zog kräftig an seiner Zigarette. Die Glocken des Kirchturms läuteten. Luis fühlte sich ertappt. Einerseits wollte er diese Frage schon lange gestellt haben und andererseits auch nicht. Er verdrängte das Thema Tod immer dann, wenn es in ihm aufkam.

„Dass Du ein Feigling bist, ist nicht schlimm. Die meisten sind beim Tod lâche. Ich wars ja auch, bis jemand anfing meine Tage laut zu zählen.“

M. Rousseaus sah den Junge in sich zusammensacken. Er erklärte ihm, dass zwar der Glaube Berge versetzen kann, man aber nicht schneller sterben würde, nur weil man ab und zu über das Mysterium des Lebens und des Todes nachdenke. Das leuchtete Luis ein und als der Alte merkte, dass der Schüler gespannt zuhören würde, anstatt ängstlich wegzuschauen, sprach er die Sätze aus, die er unbedingt noch loswerden musste.

„Beim Sterben wird Dir bewusst, dass Du aus zwei Seiten zu einer Einheit wirst. Die Balance, die Menschen seit Jahrtausenden suchen, wird durch das Verlassen der Erde möglich. Wenn Du Sterben nicht verstanden hast, wie willst Du je das Leben richtig verstehen? In unserer Welt gibt es kein Beispiel, dass ohne die Zweien auskommt. Atome bestehen aus Protonen und Neutronen. Computer aus Einsen und Nullen. Wie wäre es, wenn wir immer nur einatmen würden? Immer nur Ja sagen würden? Bei uns im Hospiz wird immer die Große Kerze in der Eingangshalle angezündet, wenn jemand von uns gegangen ist. Genau das ist es. Der Mensch geht, die Kerze leuchtet. Ohne Licht kein Dunkel. Ohne Ja kein Nein. Ohne Krieg kein Frieden. Die eine Seite bedingt die andere.

Was passiert mit einer Standuhr, deren Pendel nicht fortwährend versuchen würde von links nach rechts und von rechts nach links zu pendeln? Sie bleibt stehen. Was passiert, wenn Tiefdruckgebiete und Hochdruckgebiete sich nicht mehr versuchen sich auszugleichen? Stillstand. Kein Wind. Sind diese Polaritäten nicht gerade das, was aus dem Irdischen das Irdische machen und uns von den Göttern unterscheiden? Was passiert mit dem Apfelbaum, der nur Sonne und keine Nacht, der nur Regen und keine Trockenzeit hat? Er verwelkt oder verfault.

All die jungen Menschen, so wie Du Luis, die so voller Energie sind, verschwenden ihre saftigste Zeit mit der Suche nach dem Sinn anstatt in Betracht zu ziehen, ob genau diese Wiedersprüche der Sinn selbst sein könnten. Die Natur ist auf Wachstum und Rhythmus ausgelegt. Ein Baum in Balance trägt Blüten, Früchte und wirft alles wieder ab, damit es von vorne beginnen kann. Nur im nächsten Jahr vielleicht mit 2-3 Ästen mehr.“

Ein altes Auto klapperte vorbei. Die Straße rauschte leise. Beide nahmen noch einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.

„Ich hätte mich nach solchen Worten vor kurzem noch selbst eingewiesen. Bis ich verstanden habe, dass man immer nur das sieht, was man sehen will. Auch wenn Du mir nicht glauben willst: Deine Wahrnehmung ist der einzige Schlüssel, der darüber entscheidet, ob Du weinend stehen bleibst oder in die Hände spuckst und losläufst?“

Luis war sich nicht sicher, ob er dem Alten folgen konnte. Und wusste nicht, was er sagen sollte. Sein Blick blieb fragend.

„Schau Dir all die Menschen an, die vor bewaffneten Fanatikern aus ihren Ländern fliehen und bei uns Sicherheit suchen. Viele Einheimische, fühlen sich benachteiligt. Sie fragen sich, wie es sein kann, dass eine alte Dame, die ihr Leben lang geschuftet hat, von ihrer Rente nicht leben kann. Oder warum im eigenen Land immer noch Kinder Hunger leiden müssen. Weil da plötzlich Menschen sind, die erst seit wenigen Tagen im Land sind und Unterstützung durch die Asylgesetze erhalten. Und genau hier entscheidet Deine Wahrnehmung über den Verlauf, mein Junge:

Du kannst Dich entscheiden, wer die Verantwortung dafür zu tragen hat.
Du kannst Dich fragen, ob die Rentnerin oder das arme Kind mehr bekommen würde, wenn keine geflüchteten Menschen im Land Unterstützung erhalten würden. Sie eventuell nur das Problem sichtbar gemacht haben. Und wer ist daran schuld, dass die Gesetze so sind? Die Politiker? Oder sind es diejenigen, die gewählt haben, weil man selbst keine Lust auf Politik hatte? Also man selbst? 

Junge, Du solltest Dir eins merken: Die Welt schuldet Dir nichts. Was Du aus Deinem Leben machst, liegt allein in Deiner Hand. Du kannst Dich auf vererbten Krankheiten, Kindheitstraumata, schlimmen Lehrern, Vorgesetzten oder unfähigen Präsidenten ausruhen und warten. Oder Du versuchst mit diesen Erlebnissen die Welt so zu formen, wie Du sie gerne haben würdest. Und ich muss Dich enttäuschen. Der Weg dorthin verläuft nicht über die Couch, oder Dein Handy. Und kann auch nicht mit Steinen oder Baseballschlägern bestritten werden. Der Weg dorthin verläuft nur über die richtigen Fragen, die Du stellst. Vor allem Dir selbst.“

M. Rousseaus zündete sich noch eine Zigarette an. Sein Tasse war leer.

Die Sätze des Alten hallten nach. Luis war nicht einverstanden. Einiges leuchtete ihm ein, doch dass es ohne Krieg kein Frieden gäbe? Und woher soll jemand die Kraft nehmen, der sein Leben lang gefoltert oder benachteiligt wurde? Der so tief in den Brunnen gefallen ist, dass er es mit eigener Kraft nicht rausschaffen könne. Das sollte der alte Rousseaus ihm erklären. Luis muss es unbedingt wissen. Am nächsten Sonntag. Egal wie alt und krank M. sei. Darauf kann er keine Rücksicht nehmen.

Am nächsten Sonntag.
Die Kerze brannte.

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2 Gedanken zu „Monsieur Rousseaus im Café tabac“

  1. Es ist schon erstaunlich,dass ein junger Mensch wie du,dessen brennendes Thema Geburt und Leben ist,sich mit solchen Gedanken zu beschäftigt.Sprachlich finde ich es fein gezeichnet,weiter so,toll

  2. Uh sehr schön geschrieben …. kam anfangs sehr schwer rein doch nach Deaktivierung des Radios habe ich mich gänzlich darauf einlassen können und verschmolz für eine ganze schöne Kaffeepause mit dem kleinen luis! Erschreckend oft konnte ich selbstmahnend den Dialog auf mich projizieren!! Sehr schön Jan bitte mehr davon !
    Ps das Ende war abgedroschen wie von Disney wenn ich das anmerken darf jedoch lässt es das ganze nicht erblassen ….
    Erstaunlich was man Dienstag Nachmittag in seinem Spamordner findet!

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