Oh du Widersprüchliche – Ein Tag in Kiel

„Eine hässliche Stadt“ sagt ein Reiseführer. Ich kenne wenige, die sagen, dass sie Kiel lieben. Ich tue es. Und ich wusste bisher nicht warum. Doch jetzt habe ich eine Vermutung.

Es ist Donnerstag.
Der Wecker klingelt. 5:30 Uhr.

„Guck nicht direkt nach dem Aufstehen auf dein Handy, Jan. Das ist ungesund.“ Ich kann nicht wiederstehen. Die Wetterapp gibt alles! Sonne calling. Ich steh auf. Fertig gemacht setze ich mich in die Küche. Vor mir eine Schüssel Haferflocken. Nur mit Wasser. „Die Lösung für die Welt ist der Verzicht“ hab ich mal gelesen. Einen Löffel darf ich mir dann doch gönnen. Vor der Verzichts-Schüssel das fette MacBook Pro. Ohne Wasser. Dafür mit einer interaktiven Touchbar, womit man endlich die ganzen Emoji-Smileys auf einen Blick sieht. Happy Birthday.

„Schön 4 Stunden arbeiten, Jan. Und dann kannst du auch ganz lange aufm Markt sitzen und Ökomuttis bewundern.“

So steige auch ich, der Priester für bedingungsloses Grundeinkommen und Verfechter des „Mehr-Nichts-Tun“, in mein selbsterschaffenes Hamsterrad und strample. Die Gedanken daran, wie wenig meine Arbeit die Welt zu einem besseren Ort machen, verdränge ich gekonnt.

# Wochenmarkt auf dem Blücherplatz

10 Uhr. Primetime! Die Sonne scheint. Ungeduldig schlendere ich auf den Blücherplatz. Auf dem Markt angekommen passiere ich die ersten Stände. Mein Ziel: Loppocaffeeexpress. Doch vorher sehe ich den Kräuterwagen von Herrn Johannsen. Kein Kunde bei ihm. Meine Chance. Ohne viel Smalltalk steigen wir mit Worten in eine Welt ein, in der wir uns von unseren Widersprüchen erzählen. Unseren Ängsten, unseren Erfolgen. Ich kenne ihn nicht. Und doch kenne ich ihn. Er ist ein Mann, bei dem man eine Kräutermischung kaufen will, weil man unruhig, unzufrieden oder angespannt ist. Und man bekommt ein 5-Minuten-Gespräch, das einem die eigene Welt auf den Kopf stellt.

Wieder um mindestens einen Gedanken reicher und merklich neben der Spur stelle ich mich in die 20-Meter-Schlange bei Loppo.

„Was gibts neues Janiboy?“ grinst mich Axel an. Caffeelatte mit Hafer – wie immer. Wie immer werf‘ ich meinen noch am Morgen gefassten Grundsatz, weniger Zucker zu essen, über Board. Wie immer schaufle ich mir zwei Löffel Zucker auf die Creme dieser Caffeekunst. Wie immer: Genuß first, Pickel second. Wie immer streckt mir Axel 30 Cent entgegen, weil ich 3€ für 2,70€ gegeben habe. Wie immer wiederhole ich „Stimmt so, Danke Axel“.

Die Sonne steigt über die linken Hausdächer und streichelt mir ins Gesicht. „Guten Morgen Jan, Sonne hier. Du hast ein geiles Leben.“
Ich glaub ihr nicht.

Wie immer sitze ich einfach da. Schaue mal ins Leere, beobachte mal eine Mutti. Einerseits beneide ich die Ökomuttis. Der Partner / die Partnerin bei der Maloche und selbst aufm Markt rumlungern. Auch die Ökovattis. Die Kinder über den Platz krabbeln lassen und nebenbei den 911er Kinderwagen der Mutticommunity vorführen. Der Genfer Autosalon. In Kiel. Mit Kinderwagen. Auf 100 Meter rieche ich, ob es eine Ökomutti ist oder ob sie nur so tut. Oder denke ich nur, dass ich es erkenne? Und ich freue mich. Freue mich darüber unter Menschen sein zu dürfen, die voller Widersprüchen sind.

Ich gucke auf die Uhr. Es ist schon wieder jetzt.
Schon fast 3 Stunden vergangen. Versunken in Gedanken. Hamsterrad never sleeps. Ab aufs Fahrrad, runter ans Wasser.

#Danke Ulf

Vorbei an den Villen meiner Schnöselnachbarn in Düsternbronx rolle ich an die Kielline. Erstaunlich, sogar um 13 Uhr gibt es Menschen, die Scampis vor Publikum lutschen müssen. Ob Camp David hier persönlich sitzt? Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, McDonalds aber Du passt für mich hier nicht hin. Weiter an der Kiellinie lang. Viel zu dick angezogen. Schwitze wie Jesus und bin zu bequem zum Ausziehen. Heute morgen war Winter. Und jetzt Côte d’Azur. Vorm Landtag sitzen viele Menschen. Ich will auch. Ich lege mein Fahrrad so hin, dass jeder sieht, was für ein tolles Fahrrad ich habe. Und setze mich oben auf die vorletzte Steinmauer.

Gucke in die Sonne, rieche das Meer und schließe die Augen. Ein „Was will man mehr?“ fliegt mir durch den Kopf. Doch lange kann ich die Zufriedenheit nicht halten. Links unten, 4 Meter von mir entfernt setzt sich ein Mann im Anzug mit einer Frau und einem Kind hin. Seiner Frau und seinem Kind? Ich weiß es nicht. Beim zweiten Blick erkenne ich ihn. Ulf Kämpfer. Unser Bürgermeister. Verhaftet ’ne ordentliche Portion Fritten. Wenige Meter neben mir. Bin ich jetzt berühmt? Ich beschäftige mich reichlich wenig mit Politik. Jedenfalls nicht mit der, die in der Zeitung als „Politik“ betitelt wird. Sondern mit Weltverschwörungs-Theorien und so was. Jan Borkenstein ist nämlich was besseres… bla bla.

Und ich habe keine Ahnung was oder wer Ulf Kämpfer ist. Er ist Mediator. Schon mal geil. Was hat er sonst so gemacht oder hat er vor? Ich weiß es nicht. Und eigenartigerweise bin ich mir sicher, dass er das Richtige für Kiel macht. Er ist nicht perfekt, kein Ego-Hahn, niemand, der sich in den Vordergrund drängt.

Er weiß, dass alles ein Prozess ist. Es macht reichlich wenig Sinn einem Ideal hastig hinterherzurennen ohne die Intention zu hinterfragen. Das ist Kiel. Kiel ist nicht New York. Ulf hats verstanden.

„In Kiel kommt alles 3 Jahre später. Mode, Gastro, Musik“, sagen sie alle.

Oder kapitalisiert sich Kiel einfach nicht wie Hamburg oder München? Kiel krempelt sich nicht die Hosen hoch, nur weil Berlin es macht. Kiel bleibt ruhig. Auf einem Schaukelstuhl guckt Kiel den anderen Städten beim Spielen zu und zitiert Jiddu Krishnamurti „Weißt Du mein Sohn, das Wesentliche ist einfach“.

Ich fahre weiter. Und Ulf merkt nicht, wie ich ihm lässig nickend zugrinse. So, als wären wir alte Schulfreunde. Bin doch nicht berühmt.

#Ein Stück Zukunft in Kiel, die Alte Mu

Das Hamsterrad braucht noch ein bisschen Öl.

Ich setze mich in die Thinkfarm in der Alten Mu. Einem Co-Working Space. Aber kein Office mit zig Digital-Media-Werbe-Affen wie mir, die sich oft als Nabel der Welt missverstehen. Ein Ort an dem viele Welten aufeinander prallen. „Das Dorf in der Stadt“ sagen sie – „Wie kann die Stadt der Zukunft aussehen?“ fragen sie. Fasziniert beobachte ich jeden Tag aufs neue all die verschiedenen Ideen in der Alten Mu. Für mich ein Ort, in dem nicht nur über Sinnhaftigkeit nachgedacht wird. Sie wird versucht zu machen.

Ich tauche ab. E-Mails, Maloche, „je suis Hamster“.

Felix holt mich raus. Klamotten wie die angesagtesten Leute in Hamburg, Berlin und Köln. In Kiel. Authentisch. Während er und ich zeitgleich unser Handgelenke leicht winkend mit gestrecktem Zeige- und Mittelfinger hin und her bewegen frage ich „S ged?“ Seine Antwort „Weltherrschaft Diggi, Weltherrschaft“. Er setzt sich neben mir auf die Couch. Wir lassen E-Mails E-Mails sein und reden über irgendwas. Und es ist egal was. Jedes Gespräch ist ein Ü-Ei.

Ich hänge wie ein Schluck Wasser auf der Couch, Notebook aufm Schoss, bis mein Rücken weh tut. Ich verschiebe meinen Arbeitsplatz und trage mein Notebook an die Fensterfront am Innenhof. Da sind Hocker an einer hohen Holzplatte. Rücken muss gerade gehalten werden. Nach 5 Minuten und 5 wiederholten „Mach den Rücken gerade, Jan“ gebe ich auf.

Im Augenwinkel sehe ich, wie 2 kleine Kinder auf den Innenhof laufen. Rums, direkt auf die Schnauze gefallen. Erschreckt, egal. Wieder aufgestanden. Die beiden gucken sich an. Reden nicht. Können noch gar nicht reden. Und doch sagen sie so viel. Unbewusst steige ich vorsichtig aus meinem Hamsterrad aus und beobachte die beiden. Eine 5 cm Stufe stolpert der erste runter. Der zweite guckt. Und traut sich auch. Sie gucken sich wieder an. Kein Wort und doch ein Roman.

Überzeugt davon, dass ich wüsste was die beiden gerade nonverbal besprechen, werden meine Augen feucht. Warum? Ich bin gerührt. Auch wenn es vielleicht nur ein Dialog zwischen mir und meinem inneren Kind ist. Spielt das eine Rolle? Ich bemerke neben mir zwei Mädchen im Office am Arbeiten. Ich stütze meinen Kopf auf den linken Arm und muss glücklicherweise leicht schräg nach rechts gucken. Die Träne läuft in den Ärmel. Glück gehabt, keiner bemerkt.

# Mittags im Längengrad

Am Captain Flint vorbei ins Längengrad. Business-Essen, weil so wichtig. Im Längengrad ist die Welt zu Hause. Eine Klasse, die man nur aus den Metropolen kennt. Geführt von Menschen, die vermutlich den Kieler Widerspruch schon lange verstanden und schätzen gelernt haben. Santi und Luigi haben eine Brücke aus der Kieler Blase in die Welt da draußen gebaut und geben Kiel die Zeit, die es braucht. Draußen auf der Terrasse sieht man alles, was möglich sein kann. Eine traumhafte Förde, gesperrt für Flaneure, reserviert für zig Kreuzfahrtschiffe ohne Landstrom. Schäm dich Kiel. Gib uns Deine Förde zurück!

(FORTSETZUNG FOLGT… oder auch nicht)

Danke für diesen Tag, liebes Kiel.
Du trägst keine schönen Fassaden und versuchst nicht etwas zu sein, das Du nicht bist. Du bist voller Widersprüche,
wie das Leben,
wie die Welt
und wie auch ich.

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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

4 Gedanken zu „Oh du Widersprüchliche – Ein Tag in Kiel“

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