Sterbe jeden Tag

Sterbe jeden Tag

Ein plakativer Titel, I know. Doch es stimmt. Zu wenige Menschen beschäftigen sich mit dem Tod. Oder zu viele Menschen beschäftigen sich zu wenig mit dem Tod. Er macht ihnen Angst. Schenkt man dem Thema zu viel Aufmerksamkeit, kann es ja sein, dass man da Geister weckt, die man lieber nicht rufen will, weil man ja noch leben will. Ist sterben nicht eigentlich leben? Wie Steve Jobs es richtig zusammenfasste in einer Rede vor Hochschulabsolventen: „Der Tod ist die beste Erfindung des Lebens“.  Sterben bedeutet…

Neues, Anfang, Veränderung. Der Tod schubst einen auf das wesentliche zurück, auf das es im Leben ankommt. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe das Gefühl, dass speziell in dem Umfeld, in dem ich lebe – nennen wir es vorsichtig „Gesellschaft“, Sterben nicht wie in anderen Kulturen gefeiert wird. Das Thema Sterben wird solange nach hinten geschoben, bis man dem Sensemann nicht mehr aus dem Weg gehen kann. Stattdessen wird versucht aus seinen kleinen Alltagsproblemen einen Elefanten zu produzieren. Es fühlt sich so an, als würden die Menschen blind gesteuert vom „Immer-Mehr“-Ansatz Ihrer Akademisierung, Ihrer Karriere und Ihren von Werbung manipulierten Wünschen hinterher hetzen und vor dem Thema „Sterben“ fliehen. Die Flucht vorm Sterben ist nicht möglich, das ist sicher – und das ist auch gut so.

Ich denke, dass jeder „Sterben“ regelmäßig in den Kopf rufen sollte. Vielleicht nicht unbedingt alle 5 Minuten, dennoch regelmäßig. Täglich? Denn wenn der Tod permanent mit über die Schulter guckt, weiß man wie endlich das eigene Leben und das Leben der lieben Familiemitglieder und Freunde ist. „Seize the day – genieße jeden Tag“. Ein Satz, den jeder gerne mal spuckt – ich auch, oh captain my captain. Wie oft lügt man sich damit ins eigene Täschchen?

Jidduh Krischnarmurti, ein indischer Philosophen-Brudi, schlägt vor, jeden Abend zu Sterben und jeden Morgen neu auf diese Erde zu treten. Den Tag in vollen Zügen ausgekostet zu haben und dankbar zu gehen. Der nächste Tag ist ein neues Leben, mit möglichst wenig alten Erinnerungen und Gefühlen. Alles ist neu und alles ist erfüllend. Stell Dir das mal vor. Einfach abends im Bett liegen und dann selbstsicher sagen zu können: Ciao ciao Cescu, das wars. Geiler Tag, geiles Leben. Und am nächsten Tag geht es dann einfach von vorne los. Stell Dir mal vor Du schläfst Abends ein und wachst morgens nicht mehr auf, schön mit Mitte 20. Macht Dir das Angst? Warum? Weil Du noch nicht das gemacht hast, was Du Dir wünscht? Weil Du ständig in einem Hamsterrad läufst, um Dir eines Tages dann endlich Deine Wünsche  zu erfüllen, die Du jetzt schon kennst? Wenn Du Geld hast? Wenn Du endlich die Zeit hast? Fuck it!

Ich habe das tägliche Sterben bewusst versucht in meinen Alltag zu integrieren und es ist alles andere als leicht – vielleicht aber auch nur Übungssache? Was mir geholfen hat ist, jeden Abend eine handschriftliche Liste zu machen mit Dingen, für die ich dankbar bin. Dr. Martin Seligman – Begründer der Positiven Psychologie (und Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie bei der American Psychological Association)- sagt, dass diese Methode die Vergangenheit immer positiver wirken lässt, aus dem einfachen Grund, dass die schönen Dinge in der Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit erhalten. Ergo, Du bist glücklicher. Und wenn die Vergangenheit schön ist, dann startet man am nächsten Tag wieder ins neue Lebe, ohne Sorgen und ohne Ängste, die ja eh nur im Kopf entstehen und meist Ihren Ursprung aus vergangenen Erfahrungen ziehen.

Zusätzlich  zu der Liste über die Dinge, für die man dankbar ist, versuche ich jeden Abend den Best-Case-Zustand für morgen zu entwicklen. Positiv in die Zukunft zu gucken ist wichtig, um mit genug Energie das eigene Leben zu bestreiten.

Die Frau, die fast in meinen Armen gestorben wäre:

Als ich Anfang 2017 mit einem sehr guten Freund in Kiel im Café Resonanz einen Tee zapfte und anschließend zum geparkten Auto gegenüber im Park ging, passiert etwas. Als wir gerade ausparken wollten, fragte er, was das da vorne liege. Ca. 20 Meter von der Motorhaube entfernt lag ein Mensch kerzengrade mit dem Gesicht auf der Straße. Regungslos. Gesicht 100% auf Asphalt. Arme, ohne vorangegangener Auffangbewegung, direkt neben dem Körper.  Nach einem kurzen Break habe ich nur noch das Bild der Türklinke im Kopf und ohne Erinnerungen an den Zwischenweg, dass ich vor dem reglosen Körper stand. Ich drehte die alte Dame etwas zögerlich und überfordert an der rechten Schulter leicht um und ein beängstigender Blutschwall schoss aus ihrer Nase und ihrem Mund auf die Straße. So viel Blut hatte ich noch nie gesehen. Hast Du schon mal einen Knick in einem Gartenschlauch losgelassen?

Sie muss das ganze Blut in Ihre Lunge geatmet haben. Mein erster Gedanke „Happy Birthday, heute stirbt jemand unter Deinen Händen.“ Stabile Seitenlage? Sta… what? Das bekam ich so schnell nicht auf die Kette. Außerdem dachte ich mir, dass es nicht so prickelnd wäre, wenn sie weiter ihr eigenes Blut in sich reinpumpt.  Also habe ich mich hinter die Frau gesetzt, ihren Oberkörper hochgehoben und in meinen Schoss kippen lassen. Sie war komplett bewusstlos und hatte nichts außer einer leichten Atembewegung, was von Leben zeugte. Die Augen waren leer, weiß – komplett.

Mit meinen Armen stützend umschlossen lief weiterhin Blut wie aus dem Wasserhahn über meine Arme.  Nach ein paar Minuten kam die Frau zu sich und war wieder ansprechbar. Ich glaube es waren 5 Minuten, vermutlich war mein Zeitempfinden nicht gerade akkurat zu diesem Moment. 

Dann haben wir ein bisschen Arm in Arm geschnackt, bis der Krankenwagen kam.  WIE SCHNELL DEIN LEBEN VORBEISEIN KANN, wholy shit. Warum die Frau da so lag – keinen blassen Schimmer. Es sah nicht so aus, als wäre sie gestolpert, da sie kerzengerade und ohne jegliche Auffang-Armhaltung dalag. Vielleicht ein Schlaganfall, oder Schwächeanfall oder weiß der Geier. Da lag sie nun und bewegte sich sicher auf den Tot zu – Ertrunken am eigenen Blut. Keine schöne Vorstellung – wobei mein Vater mir mal erzählt hat, dass Ertrinken einer der schönsten Tode sein soll… merke gerade, dass man das doch gar nicht nachweisen kann, oder? Naja, ich danach erstmal meinen Puls gecheckt. War ok… ich sollte Arzt werden. Der Puls nach einer Trennungen von einem mir wichtigen Menschen ist 4-mal so hoch.

(By the way: noch wenige Tage vor diesem Ereignis fragte ich mich, wie ich wohl in genau so einer Situation reagieren würde. Und schon bekam ich prompt die Antwort!).

Meine Zeit im Hospiz – dem Leben nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben:

2015 haben ich für unsere Firma Organisationen gegooglet, welche die Welt zu einem besseren Ort machen. Kurz vorher hatten wir dem Ehrenamtsbüro NetteKieler eine Website geschenkt und uns in der Firma darauf geeinigt, dass wir weiterhin probono Organisationen unterstützen wollen, die unsere Leistungen brauchen. Um auf uns aufmerksam zu machen, habe ich geschaut, was es so in der Norddeutschen Umgebung gab. Und da fand ich das Hospiz Kieler Förde. Ich wusste vorher mit dem Bergriff nicht viel anzufangen und merkte, wie mir beim Lesen der Website-Texte warm ums Herz wurde. Ein Ort, an dem Menschen Ihre letzten Tage verbringen – bis sie sterben.

Wahnsinn, das fand ich klasse. Ich wollte unbedingt dort ehrenamtlich arbeiten. Gesagt getan und los gings. Ich habe ca. ein halbes Jahr die Besucher der Gäste zu den Zimmern geführt oder mit den Gästen geplauscht (Gäste sind die Menschen, deren Tage mehr Leben bekommen sollen). Und am Liebsten habe ich meine 3 Lieder, die ich am Klavier spielen kann, im Gemeinschaftsraum geklimpert. Und was war dieser Ort für mich? Einer der schönsten, die ich je kennenlernen durfte. Die Gäste, das Personal, die ehrenamtlichen Mitarbeiter – alle waren so freundlich und hatten gute Laune. Es war ein Ort, wo viel Leben war. Obwohl hier viel Leben endet. Sowas hatte ich nicht erwartet. (Natürlich gehört zu viel Freude auch viel Trauer – die andere Seite der Medaille).

Es ist schon interessant sich mit jemandem über die Griechenlandkriese zu diskutieren, über die unsinnige Bankenrettung – „DIE POLITIKER… mit unseren Steuergeldern… was fällt denen ein?!“ – und zwei Tage später ist dein Gesprächspartner nicht mehr auf der Welt, auf der du bist.

Dann hatte ich noch das Glück, an einer 6-monatigen Sterbebegleiter-Ausbildung teilzunehmen. Empfehle ich jedem. Es sehr viel um nur einen Menschen, und zwar um einen selbst. Denn nur wenn man sich versteht, sich kennt, sich liebt, erst dann kann man auch anderen helfen, andere Menschen verstehen, andere Menschen lieben. Ich habe in dieser Zeit so unfassbar viel über mich und meine Gefühle, meine Stärken, meine Sorgen gelernt und bin sehr dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen.

Der Junge, der eigentlich hätte sterben müssen:

Im Mai 2017 war ich in Bali. Als ich morgens ganz entspannt die  Straße zum Co-Working-Space runter ging, erlebte ich, wie ein ca. 6 Jahre alter Junge mir nichts, dir nichts quer über die Straße lief. Keine 5 cm vor einem mindestens 40 km/h schnellen, hohen Auto, drehte der Bub spontan um und lief zurück zu seinem Vater. Er wirkte nicht so, als hätte er das Auto bemerkt, dass aus seinem Kopf einen Football gemacht hätte. Er war eher über die (verständliche) Reaktion seines Vaters erschrocken, der gerade sein fast-totes Kind anschrie.

Welche höhere Kraft da auch immer dem Jungen ins Ohr geflüstert hat, dass er doch lieber umkehren sollte, ob das Universum, sein Schicksal, der Zufall, Gott, Jesus, Maria, Budda (vielleicht ist ja auch alles eins), ganz gleich – irgendwer hatte da seine Finger im Spiel, dass der Junge nicht an diesem Tage 5 Meter vor mir ‚n Abgang gemacht hat.

Bücher, die ich empfehlen möchte:

Der Glücks-Faktor: Warum Optimisten länger leben
Buch von Martin Seligman

Das Wesentliche ist einfach: Antworten auf Fragen des Lebens
Buch von Jiddu Krishnamurti

Und zu guter letzt die Rede von Steve Jobs:


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

2 Gedanken zu „Sterbe jeden Tag“

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