Was in einem einzigen Menschenleben passieren kann

Ich möchte euch von einer Frau erzählen, von der ich gerade in den letzten 10 Jahren bewusst sehr viel lernen durfte.

Sie erinnert mich täglich daran, was alles in einem einzigen Menschenleben möglich ist und daran, dass Leben Veränderung bedeutet. Vor wenigen Wochen durfte ich mit ihr in ihre Geburtsstadt fahren und erlebte einen Augenzeugen-Bericht, der mir einen Mantel aus Gänsehaut anzog und den Frosch im Hals zum Dauermieter werden ließ.

Ich möchte mir nicht anmaßen die folgenden Zeilen mit „Lektionen“ oder „Learnings“ zu betiteln. Das Fazit-Geziehe sei mit euch!

Eins ist sicher, nichts ist sicher

Gerne reden die großen Deutschen Politiker von unserem Wohlstand. Wir müssen unsere Wohlstand erhalten, ja wir müssen ihn sogar steigern. Nur mit einer richtig schönen Portion Konsum und Kapitalismus funktioniert unsere Welt. Deine Mudder!

Stell Dir vor, Du bist vor 87 Jahren auf die Welt gekommen, bist bis in Deine zarte Jugend voller Freude in einer überschaubaren Stadt aufgewachsen.

„Hier im Garten hinter unserem Mietshaus habe ich gespielt. Und wir wunderten uns, warum plötzlich über uns so viele Flugzeuge flogen“.

Interessiert folgte ich den Erzählungen.

„Und am Tag darauf flogen die ersten Granaten über unsere Köpfe nach Polen. Weißt Du, mein Schatz, wir lagen nämlich direkt an der Deutsch-Polnischen Grenze“.

Ich stand in diesem Moment an einer Stelle, wo der zweite Weltkrieg maßgeblich begann. Nein Jan, Du schaust hier keine NTV-Doku, die gefühlt ab 22 Uhr immer läuft. Hitler hier, Hitler da. Nazi-Party over there. Nein, kein aufgedoptes Einschaltquoten-Format, das mit geklauten Akkorden von Hans-Zimmer versucht noch die letzten Blicke im Free-TV zu ergattern.

Das hier ist life – oder es war life. Oder beides?

Die Berichte trafen mich volle Breitseite. Am Ort des Geschehens von einer Frau, die lebt… aus Fleisch und Blut.

Du glaubst nicht an Wunder? Noch nicht.

„Mein Onkel, Kind, der konnte immer sehr gut mit den Polen. Sie haben jahrelang gut zusammengearbeitet. Er vertraute den Menschen und wollte nicht fliehen. Sie werden ihm schon nichts tun, sagte er.
Und eines Tages kamen sie. Sie wollten alles Gold und jeglichen Schmuck haben. Mein Onkel versicherte den Soldaten, dass er ihnen alles gegeben hätte.
Die Soldaten drapierten meinen Onkel auf einem Sessel. Links seine Frau, und rechts noch eine befreundete Frau.
Sie erschossen alle.“.

„Aber worher kannst Du diese Geschichte wissen?“ fragte ich.

„Die Frau auf der rechten Lehne schleppte sich auf die Straße und überlebte. Sie erzählte mir später die Geschichte“.

„Als wir geflohen sind, kam eine junge Frau zu uns und übergab mir und meinen Eltern Ihr Neugeborenes. Sie würde es nicht schaffen.
Wir nahmen das Kind. Eingesperrt mit 60 Menschen in einem Viehwaggon-Zug. Das Kind bekam wochenlang nur Zuckerwasser“.

„Und?“ Fragte ich.

„Es hat überlebt und wir konnten es der Mutter nach Ende des zweiten Weltkrieges wiedergeben.“

„Einmal haben wir Knochen gekocht, die neben den Bahnschienen lagen, um ein bisschen Geschmack ins Wasser zu bekommen“.

Geladen mit den schlimmsten Fantasien fragte ich „Waren das Menschenknochen“?

Seufzend, Schulter zuckend und leicht ins Leere schauend sagte sie „Ich weiß es nicht, es kann sein“.


„Und hier, mein Kind, da sind wir immer Schlittschuh gelaufen. Herr Obst, von nebenan, hat uns immer beim Anziehen der Schlittschuhe geholfen, damit wir nach der Schule gleich loslaufen konnten.
An einem kühlen Nachmittag bin ich fürchterlich hingefallen und direkt mit dem Gesicht aufs Eis. Die Nase war gebrochen. Da fuhr man dann aber nicht ins Krankenhaus. Kannst Du Dir vorstellen, wie das weh tat?“

„Meine Mutter hatte schwarze Beine von dem nichtendenden Marsch. Dick geschwollen, weil sie nicht mehr konnte und gepeinigt von -30° Grad. Aber sie blieb nicht stehen, sie gab nicht auf. Als wir uns einmal von einander entfernten, kamen gleich unsere Flucht-Bewacher zu mir angeritten. Und meine Mutter stand sofort wieder hinter mir. Sie wusste genau, dass ich vergewaltigt werden würde, wenn sie weg wäre.

Wenn ich jetzt ein Glas Wein trinke, fange ich bestimmt an zu weinen, mein Kind“.

Diese Aufgabe hatten meine Augen auch ohne Vino übernommen. Ich versuchte meine Tränen zu unterdrücken wie ein kleiner Junge, der denkt, dass Weinen ein Zeichen von Schwäche wäre.


„Und weißt Du wie unsere weisen Lehrer sich geärgert hatten, als wir schulfrei bekommen haben, weil wir zum Appell vom Bund Deutscher Mädel antreten mussten? Hier im Park, mein Kind. Hier standen wir.

– Heil Hitler – das sagte man so. Verrückt, oder? Wir Kinder dachten uns nichts weiter dabei. Und unsere alten Lehrer-Herren waren wütend, weil wir von den Hausaufgaben befreit wurden. So dachten wir jedenfalls. Wir freuten uns natürlich, kannst Du das verstehen?“

Auf der Autobahn zurück nach Deutschland fliegt mir im Augenwinkel das Schild „Autobahn der Freiheit“ entgegen. Im Anschnitt der Lehne des Beifahrersitzes sehe ich Ihren Kopf, die hellen Haare in Zeitlupe wippend im Takt von den leichten Betonnähten der Straße und ich frage mich, wie so etwas möglich sein kann.

Wie kann man als Kind den Bombenhagel von Dresden 45 überleben, weil der Zugführer kurzum entscheidet, nicht reinzufahren? Welche Mächte existieren, wenn man eine Hufeisen-Nieren-OP, an die sich kein Arzt rantraut und damals eine Überlebenschance von 50/50 bedeutete, meistert?

Wie kann man sich bei norddeutschem Mistwetter aufraffen an den Strand zu fahren, obwohl man weiß, dass man den Rollator nur mit aller letzter Kraft aus dem Auto schleift und wieder reinwerfen muss?

Wie kann das alles sein? Und wie kann man dann noch meinen ernährungstechnischen Ausbruch akzeptieren, respektieren und sich dafür interessieren?

„Kind, wie waren die Straßen? Ich hab die leckeren veganen Frühlingsrollen gemacht, die mögen wir beide doch so gerne. Und hast Du den veganen Kuchen aus dem Café Blattgold mit? Vergiss nicht, dass ich Dir nachher noch das Geld für den Kuchen gebe.“

Eine Frau, die bei meinen Freunden die Kinnladen staunend runterklappen lässt, wenn sie mich im Alter von 87 Jahren an (m)einem verkatertem Sonntag Vormittag mit einem Skype-Video-Call anruft und mich fragt, warum denn WhatsApp auf ihrem Smartphone nicht mehr ginge. „Der Flugmodus muss doch eingeschaltet sein, oder?“.

„Für Dich ist das Glas wohl immer halb voll, oder Omi?“

„Das Glas ist wunderschön, mein Schatz“


BLOG PER E-MAIL ABONNIEREN

Erfahre als erster von neuen Beiträgen

Jan Borkenstein auf Facebook folgen

  •  
    11
    Shares
  • 11
  •  

Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

3 Gedanken zu „Was in einem einzigen Menschenleben passieren kann“

  1. Immer wenn ich mir denke, ich schaff das alles nicht mehr, denke ich an meine Oma und ihre Geschichten ….. und dann weiß ich, ich kann noch ganz viel….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.