Ein Wochenende am Limit – Wie ich als Veganer Ei gegessen habe und einem Tier das Leben nahm

„Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, trink‘ Tequila.“ Ich mag keinen Tequila. Eigentlich sollte das Wochenende ganz entspannt werden – leider nein, leider gar nicht.

Ich wurde mit Extremen konfrontiert. Forest Gump, Pralinenschachtel. Und extrem scheinbar nur, weil mein Bewusstsein ein anderes ist als noch vor 9 Monaten.

Freitag: Ich esse jetzt ein Ei

Am Freitag war ich bei meinen Eltern und meine Schwester fragte mich, ob ich die Hühner rauslassen könnte.
Klar. Und Eier einsammeln? Kein Ding.

Die Hühner kommen nachts rein. Geschlossene Tür. Dem Fuchs passen die Hosen nicht mehr.

Ab in die Gummistiefel!
Genüsslich schlendertet ich 2-Minuten-Farmer Richtung Hühnerstall.

Linke Tür auf, der Adel stolzierte raus. Rechte Tür auf, Henne XY hat das Einzelzimmer gebucht. Ist nicht gut zu Fuß gerade. Privatversichert. Ich steh drin im Einzelappartment „nu komm geh“, dachte ich. Sie bleibt stehen und guckt mich an wie die Möwen bei „findet Nemo“. Zögernd mit ängstlichen Händen griff ich das Huhn und wartet nur darauf, dass es mir gleich Fleischwunden pickt. Nix, Madame kommunizierte nonverbal „komm Oppa, nu mach. Fahr mich raus“. Ich ging 2 Schritte raus und setze die Henne zu den anderen, die vorm Stall schabten. Mit einem kurze „geht doch!“-Blick wurde sich bedankt.

Ach ja, die Eier…

Ich rein in Stall „Links“ und strammen Schrittes Richtung Kingsize-Betten.

3 Eier. Chapeu. Ich griff nach einem Ei und als ich es berührte katapultierte ich in meinen Erinnerungen nach Mallorca, in einen Moment, in dem ich als junger Bub eine sonnenerwärmte Orange vom Baum pflückte und sofort essen durfte. (Müsst ihr euch vorstellen wie die Herbal-Essences-TV-Werbung. Eine als Sexobjekt benutzte, rekelnd stöhnende Frau unter der Dusche mit Orange. Bloß mit mir Schwabbelbacke.)

Gefühlte 100 Jahre habe ich kein Ei mehr gegessen. Und hier war sie, DIE Gelegenheit. Mit den Tieren geschnackt, die Eier schlupf-warm, ohne Qual, ohne Medikamente im Futter. Artgerechter geht es nicht. Und für ein Ei muss nicht mal befruchtet werden. Den Hühner geht es besser als mir in der Kindheit. Und mir konnte es schon nicht besser gehen. Weißt wie ich mein? Die müssen nicht mal den Tisch decken oder ihre Zimmer saugen. Ok, ab dafür. Der lässige Farmerschritt wurde zum aufgeregten „ich Feier jetzt ne Ei-Zeromonie“. Keiner war eingeladen – nur ich und drei warme Eier.
3 warme Eier!!!

„Hey Siri, wie lange kocht das perfekte Ei“

5,64321798 Sekunden. Wachsweich. Gekocht getan. Ich nahm Platz wie ein gläubiger vorm Altar. Obwohl ich keine feinen Kleider trug, machte ich mich zurecht und kämmte meine 3 Haare ordentlich zur Seite. 2-3 zarte Fingertipps auf den Salzstreuer. Löffel rein, Genießer sein.

Kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal einem Lebensmittel eine solche Wertschätzung hab entgegenbringen können. Liegt es daran, dass ich mir nicht mehr einfach alles (wie früher) wild reinstopfe? Sondern hier ganz bewusst den Wert durch alles drumherum geschaffen habe? Die Vorfreude, die Herkunftsrecherche, das Zurechtmachen? Danke für diesen geilen Freitag. Auf in den Samstag.

Samstag: Ich töte jetzt ein Tier

Wenn der Freitag schon geil war, dann kann der Samstag nur geil werden. Pustekuchen. Zum Frühstück habe ich erstmal die Karre meiner Mutter zu Schrott gefahren. Ausgeschlafen, gut gegessen, fuhr ich zur samstäglichen Loppo-Caffee-Tankstelle aufm Wochenmarkt. Weder gestresst noch unruhig. Caffee-Latte genoßen… wie immer. „Noch kurz ein paar Zutaten einkaufen, und dann ab wieder aufs Land.“ dachte ich. Ausgeparkt, losgefahren und RUMS – da ist das Ding! Was macht Jan Borkenstein, wenn er ausgeschlafen, nicht unterzuckert, ungestresst und erholt 50 Meter vor sich kein Auto hat? Genau, schön in ein stehendes Auto reinkacheln, dass da schon stand. Nicht abgelenkt, nicht geträumt, kein Handy in der Hand und trotzdem einfach mal gemacht. Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass es wärmer gewesen wäre das Geld anzuzünden, das ich durch den Auffahrunfall in einen Neuwagen in Wallung gebracht habe,  als das erhitzte Reifen-Gummi der durch die paar Meter Vollbremsung, die ich anstandshalber noch gemacht habe. Muss man sich mal ein Begriff machen… wie viel nimmt der Mensch noch mal von seinem Umfeld wahr? 10%, oder?

Ich weiß nicht wer von euch schon mal die Karre der Eltern zerjukelt hat, aber es gibt in der Tat schöneres an einem Samstag Morgen. Naja, rough life. Weiter gehts. Kein Mensch verletzt. Und endlich ist mir mal wieder richtig das Blech weg geflogen.

Es geht immer besser

Auf dem Land angekommen, ärgerte ich mich schön ein paar Stunden über mich und meine liebe Wahrnehmung und wollte Abends noch auf den Geburtstag meines Mitbewohners zurück nach Kiel fahren. Lecker essen und Vino. Kein Stress. Mudderns Karre eher semi-straßentauglich, also borkte ich mir das Auto meiner Schwester. Abends, schon dunkel. Eingestiegen losgefahren.

Und wer kommt da nach 100 Metern Fahrt direkt nach dem Dorfschild aus dem Feld in meinen Lichtpegel auf der Straße gelaufen? Genau, Meister Lampe. Grüß Grüß. Und natürlich läuft er nicht wie bekannt im Lichtpegel des Autos vor mir weg. Er zieht gefühlt ohne Kurve 90° nach links und läuft direkt auf mich zu. Wie bei 2 Fast 2 Furious ziehen wir beide im letzten Augenblick nach links. Ich hab was gespürt. Mehr als ein Frosch. Angehalten, Warnblinker, ausgestiegen. In der tiefen Hoffnung, dass ich es mir eingebildet habe und ich jetzt nicht die Erfahrung machen muss, die ich mir in meiner artgerechten Tierernährungszeit (Artikel: Scheiß Veganer) mit dem Schlachten eines Huhns auferlegt hatte.

Ich stieg aus dem Auto und ging nach hinten… nichts.

Plötzlich kreischte etwas wie am Spieß und das Gras am Straßenrand bewegte sich hektisch.

Das Kaninchen war schwer verletzt und schrie (vermutlich um sein Leben). Es schliff sich hektisch auf der Seite nur mit zwei Pfoten sprunghaft vom Rasen auf die Straße und wieder zurück. Sichtlich überfordert wusste ich nichts mit meinen Händen anzufangen. Ich stand direkt über dem Leben gebeugt. Er blieb liegen. Ein Auge guckte mich gefasst an. Kein Blut. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer? Langsam bewegten sich meine Hände voller Angst, dass das Arme Tier gleich vor Schmerzen am Teller dreht, zum Boden und hoben ihn auf. Er bewegte sich nicht und macht keine Mucks. Selbst die Atmung schien ruhig… (als wenn ich das noch beurteilen könnte.) Ich legte ihn vorsichtig in eine Papiertüte, die ich kurz vorher aus dem Kofferraum geholt hatte und wollte direkt zu meiner Schwester zurück fahren und mit ihr zum Tierarzt fahren.

Und wer hält in diesem Augenblick genau neben mir und meinen „blutigen“ Händen an? Ein sehr enger Freund, Jäger, Katzen- und Hundefreund. Zufall, Schicksal, What ever?

Er macht das Fenster runter und sieht sofort, wie es um mich bestellt ist. Kurz die Story erzählt, das Leid in der Tüte gezeigt und gefragt „Was mache ich denn jetzt?“… „Es hat keinen Zweck.“ Tu dem Tier den Gefallen, Jan, erlöse es von den Qualen. Die Frage, ob ich wüsste wie „das“ ginge, konnte ich gar nicht mehr aufnehmen. Und dann machten meine Hände das, was ich nicht machen wollte. Sie hielten den Körper fest und drehten den Kopf ruckartig um. Keine schnelle, sondern eher abgrundtief schockierende Nummer für mich. Mein Freund und & Jäger sprang aus dem Auto und nahm das Kaninchen noch mal an den Hinterläufen aus der Tüte und schlug zwei mal ins Genick. Ob er da noch lebte und ich dem Wesen mit meinem Händen noch mehr Leid beim Halsumdrehen zugeführt hatte, als es eh schon erlebt hat? Ich weiß es nicht. Das hat mein Gewissen verdrängt. Auf den Rat von meinem Leidensbegleiter  fuhr ich nach Kiel und nahm den Hasen dort mit einem anderen guten Freund und Jäger in der Badewanne aus. Fell über die Ohren, das volle Programm. Zwei mal nahm ich den abgetrennten Kopf in meine blutigen Hände, guckte ihm in die Augen und entschuldigte mich für all das was passiert war. Meister Lampe ist jetzt in die Tiefkühltruhe gezogen.

Seitdem ich mich vegan ernähre, lass ich Spinnen an Wänden krabblen. Pack sie nicht raus, wenns zu kalt ist. Einzige Sperrzone ist das Bett. Ich lass Mücken an meinen Armen mein Blut saugen (Wenn der Reflex nicht schneller ist), weil ich mir momentan nicht das Recht rausnehmen möchte das Tier zu töten. Und dann das… Wen juckts? Außer mich?

Ob ich das gleiche mit meinem Kater gemacht hätte, wurde ich von einem Freund gefragt. „Na klar“ antwortete ich überzeugt. Und merke doch ein paar Tage später, dass ich mir da nicht sicher bin. Hätte ich, falls ich meinen Kater überfahren hätte, alles stehen und liegen lassen und wäre mit ihm zum Tierarzt gefahren? Hätte ich alles Geld der Welt für Pommes (so heißt er) bezahlt? Oder hätte ich ihm einen Kuss gegeben und ihn anschließend mit ’nem Schlag ins Genick in einer anderen Welt weiter leben lassen? Zum finalen Entschluss bin ich nicht gekommen… Und ich hoffe ich muss es auch nicht. Dass man Leben durch emotionale Bindung andere Werte beimisst, ist nichts Neues… dennoch ist es spannend sich das auf der Zunge zergehen zu lassen. „Mir doch egal, wo mein Fleisch im McCat herkommt“.

Als krönenden Abschluss dieses glorreichen Samstages habe ich natürlich noch beim Geburstagsessen einen Teller aus Glas mit dem linken Arm vom Tisch geräumt und die Splitter über den ganzen Küchenboden verteilen lassen. Im Teller war ein sau leckerer Dip, der das leckere Essen vollkommen gemacht hat. Bzw. ab dann hatte.

Wundert mich, dass ich abends nicht noch in der Bar verprügelt wurde…

The sky is the Himmel. In diesem Sinne, yolo!


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Veröffentlicht von Jan Borkenstein

Jan Borkenstein gewann seinen ersten Kunden im Alter von 15 Jahren. Seitdem gründete er mehrere Firmen und beteiligte sich an verschiedenen Projekten in Deutschland, Spanien, der Schweiz und den USA. Seine Gedanken beschäftigen sich mit Bewusstsein, Doppelmoral, Nachhaltigkeit, Leben, Liebe, dies das Ananas.

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